Politik : Still und stumm

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Vom Arbeitskampf lesen wir ja jetzt wieder öfter. Im Osten des Landes streikt die IG Metall, und sie streikt heftig, denn sie hat es eilig, weil die Sommerferien nahen. In unserer kleinen Stadt ruft die GEW die Lehrer zum Warnstreik. Sie hat es auch eilig, weil … siehe oben. Für Horst Seehofer haben die Sommerferien nicht ganz die gleiche Bedeutung, schon weil die in Bayern später beginnen. Aber gestreikt hat er auch, glatte Arbeitsverweigerung, Sitzungen geschwänzt, im Parlament nicht da gewesen. Das hat ein mächtiges Kopfschütteln ausgelöst, und ein Wirtschaftsführer hat sogar besorgt bei Seehofer im Büro anfragen lassen, ob der Mann vielleicht ein bisschen ... Sie wissen schon, da oben im Kopf? Nein? Nein. Vielmehr ist es so, dass Horst Seehofer das Verdienst zukommt, ein bisher stark vernachlässigtes Problem gelöst zu haben: Was macht ein Politiker, wenn die anderen Politiker im eigenen Laden nicht machen, was er will?

Das klassische Instrumentarium entspricht dem des Arbeiters im Frühkapitalismus – er fügt sich murrend oder er kündigt. Das hat sich im normalen Arbeitsleben als allzu extreme Alternative erwiesen, weshalb als Mittelding der Streik erfunden wurde. Der Arbeiter arbeitet nicht, der Boss schmeißt ihn nicht raus, weil beide wissen: Hinterher arbeitet der Arbeiter wieder. Seehofer hat nun dieses Verfahren erstmals für die Politik fruchtbar gemacht. Anfangs mag er erwogen haben, als einsamer Streikposten vor dem Fraktionssaal Stellung zu beziehen. Aber dann ist ihm eine viel bessere Idee gekommen. Da in seiner Branche vor allem Worte produziert werden, besteht der Streik folgerichtig im völligen Verstummen. Keine Erklärung, keine erregten Telefonate – nur dröhnendes Schweigen. Das vermeidet, erfreulicher Nebeneffekt, auch jedes böse Wort, das dann doch wieder zur Kündigung führen müsste.

Die Übernahme der Seehofer-Methode in andere wortproduzierende Branchen wird geprüft.

(nach Diktat abgetaucht)

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