Politik : Stille nach dem Chaos

Die Palästinenserführung betet an Arafats Grab – und mahnt Hilfe des Auslands für den Friedensprozess an

Alexander Visser[Ramallah]

Am Tag nach Jassir Arafats Begräbnis in Ramallah haben tausende Palästinenser Abschied von ihrem Präsidenten genommen. Anders als am chaotischen Vortag herrschte am Samstag Stille auf dem großen Platz vor der Mukata, Arafats letztem Hauptquartier. Alte Weggefährten und uniformierte Kämpfer, Jugendliche und Eltern mit ihren Kindern trauern und beten am Grab des Rais. Auch Vertreter der neuen Führungsspitze erweisen dem Verstorbenen die letzte Ehre. Zugleich nutzen sie die neu erwachte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, um für einen Abzug Israels aus den besetzten Gebieten zu werben.

„Wir haben ein Recht auf Freiheit, wie Israel ein Recht auf Sicherheit hat“, sagte Ministerpräsident Ahmed Kurei vor Journalisten aus aller Welt. „Ich rufe die USA auf, sich dafür einzusetzen, das wir beides erreichen.“

Die Handflächen zum Himmel gekehrt hatte Kurei zuvor an Arafats Grab gebetet. Andere Trauernde warten am Fuß der drei Stufen hohen Plattform, in die Arafats Sarg eingebettet ist, bis sie an der Reihe sind. Das Porträt des Verstorbenen droht im Meer der Blumenkränze zu versinken. Die Kränze zieren palästinensische Fahnen, Bilder Jerusalems und Landkarten Palästinas, die ganz Israel umfassen. Ein Relikt aus der Zeit, als Arafat noch daran glaubte, Israel mit Gewalt bezwingen zu können.

Die Menschenrechtlerin und Abgeordnete Hanan Ashrawi wischt sich eine Träne ab, als sie die Plattform verlässt. „Israel muss die Blockaden aufheben und demokratische Wahlen ermöglichen", sagt sie. „Dann können wir in Palästina die beste Demokratie der Welt aufbauen.“

Niemand beachtet die zerstörten Gebäude im Hintergrund. Israelische Truppen hatten große Teile von Arafats Hauptquartier dem Erdboden gleichgemacht. Kurz vor der Beerdigung hatten Bulldozer die Trümmer und ein Dutzend Autowracks zur Seite geschoben.

Um freie Wahlen abhalten zu können, brauchen die Palästinenser die Hilfe des Auslands, sagt der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erekat. „Selbst wenn Mutter Theresa unsere Präsidentin wäre und Martin Luther King, Mahatma Gandhi und Nelson Mandela unsere Regierung bilden würden, würde Scharon sie in Verbindung mit Terror bringen“, sagt Erekat. Er hofft, dass sich die EU, Russland und die USA von neuem für die „Road Map“, den Friedensplan, engagieren.

Auch palästinensische Kritiker Arafats nehmen Abschied, etwa der Vorsitzende des palästinensischen medizinischen Hilfsdiensts, MustafaBarghouti. Trotz aller Differenzen wissen sie, dass die meisten Palästinenser Arafat als Vater der Nation verehrt haben. Fragen nach Kandidaten für die Nachfolge Arafats weicht Barghouti aus. „Es ist zu früh, jetzt darüber zu sprechen“, sagt er. „Aber wir brauchen eine demokratische Alternative zur Fatah und zu den islamischen Kräften."

Die Stille am Grab wird unterbrochen von einem Mann im schwarzen Anzug, der am Rande des Blumenmeeres niederkniet und Koranverse anstimmt. Frauen weinen, den Kämpfern der Präsidentengarde stehen Tränen in den Augen. Ein kleiner Junge in Sporthemd und Jeans bewegt die Lippen zum Gesang. Die nächsten Wochen könnten über seine Zukunft entscheiden: Gelingt es der neuen Führung, den Terror gegen Israel zu beenden und dauerhaften Frieden zu schließen, kann er vielleicht in einem freien Palästina aufwachsen. Sonst könnte wohl auch er seine Jugend damit zubringen, Steine auf israelische Panzer zu werfen.

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