Politik : Stille Revolution

Die Gesellschaft verändert sich weitgehend unbemerkt, aber rasant. „Der ganze Konflikt ist nicht religiös“, sagt der Stadtplaner Arif Hasan.

In Pakistan ist eine Revolution im Gange, ungeplant und weitgehend unbemerkt, aber mit weitreichenden Folgen für das Land – das jedenfalls sagt der Architekt und Stadtplaner Arif Hasan. Hasan ist ein gebildeter älterer Herr mit schlohweißem Haar und vor der Brust baumelnder Brille. Der Gründer und Chef des „Urban Resource Centre“ geht den Phänomenen der Stadt nach. Wenn er Beobachtungen macht, sucht er die Zahlen dazu, Statistiken verraten Arif Hasan viel über das Leben, über Veränderungen im Alltag, sie weisen auch den Weg in die Zukunft. Inmitten seiner mit Studien vollgestopften Regale in seinem Büro in Karatschi ist Hasan in seinem Element. „Der ganze Konflikt“, sagt er mit Blick auf Pakistan, „ist nicht religiös. Es geht schlicht darum, dass sich die Gesellschaft verändert.“ Seine Analyse: Die alte soziale Ordnung und ihre Institutionen sind tot, aber es gibt noch keine neuen. Die Regierung als Ordnungskraft fehlt, das Wertesystem ist zerbrochen. Gleichzeitig bringt die Globalisierung mit neuen Produkten, Technologien und Medien Ideen und Wünsche ins Land, auf die es nicht vorbereitet ist. „Wir haben es mit der Entstehung einer Wirtschaft und Soziologie der ersten Welt, aber mit Löhnen und politischen Strukturen der Dritten Welt zu tun“, analysiert er. „Es ist ein sehr schmerzvoller Übergang von einer hoch strukturierten Kasten- und nach Geschlechtern getrennten Gesellschaft zu einer Gesellschaft, die nicht überleben kann, wenn sie sich nicht auf die Moderne einlässt. Das verstehen die Leute nicht in philosophischer Weise, sondern erleben das ganz praktisch.“

Natürlich kennt auch er die Klagen über mittelalterliche Vorstellungen islamistischer Extremisten: „Es gibt Taschen im Land, in denen diese alten Ideen noch existieren, aber das sind kleine Taschen.“ Leider kämen im Westen meist nur Nachrichten aus diesen rückständigen Gebieten an. Auch die Taliban hätten nur in Balutschistan, Wasiristan und den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan Zulauf, sonst nirgendwo im Land. „Manchmal wünschte ich mir, sie würden die Macht übernehmen, wegen unserer furchtbaren Politik und der ganzen Heuchelei“, stöhnt Arif Hasan voller Sarkasmus. Aber, fügt er hinzu, weder werde das passieren noch werde Pakistan in alte diktatorische Zeiten zurückfallen: „Das kann ich Ihnen versichern.“ Es gebe ein gutes Beispiel: Im Swattal hätten die Leute erlebt, wie schlecht die Taliban sie behandeln, wenn sie das Sagen haben. Dort seien jetzt alle gegen die Taliban. Vor allem aber müsse man sich nur ansehen, was die Pakistaner mögen – und das gelte für alle Schichten, auch die ärmeren: „Mobiltelefone, Geld, schöne Sachen, sie lieben Shopping-Malls (,was mich entsetzt’) und schwärmen für – Thailand.“ Das passe alles gar nicht zu den Ansichten der Taliban.

Hasan seufzt vernehmbar: „Sie haben keine Ahnung, wie groß die Veränderungen längst sind“, holt er aus und greift nach dem jüngsten Zensus. „ Im Jahr 2010 waren weniger als 20 Prozent der Frauen und sieben der Männer zwischen 15 und 24 Jahren in Karatschi verheiratet, 1981 waren es noch 39 und 17 Prozent.“ Zum ersten Mal sei die überwältigende Mehrheit junger Leute nicht verheiratet – und auch ausgebildet. Oder die Studenten: 92 Prozent der Architekturstudenten an der Universität Karatschi seien Frauen – und sie arbeiten nach dem Abschluss: „Der Kanzler hat schon eine Quote für Männer gefordert.“ Heute würden sich zwar mehr Studentinnen verschleiern, aber im Gegensatz zu früher dürften sie bis nachts weg und führen auf dem eigenen Moped heim.

Er kramt weitere Zahlen hervor – über Hochzeiten. Traditionell werden Hochzeiten in Pakistan von den Familien arrangiert und groß gefeiert: „Im Schnitt heiraten hier heute 250 Paare am Tag zivil, 1980 waren es nur 19.“ Er schließt daraus, dass die jungen Leute selbst entscheiden. Andere Beobachter wenden ein, das könne auch Ausdruck der schlechten Wirtschaftslage sein, viele könnten sich die aufwendigen Feiern mit hunderten Gästen nicht leisten. Und Studierende, die zusammen ins Ausland wollten, heirateten, um gemeinsam ein Visum bekommen zu können.

Für Arif Hasan ist klar: „Wir erleben einen ausgeprägten Konflikt zwischen dem Individualismus der Jungen und den konservativen sozialen Werten der älteren Leute, die die Großfamilie und das Clansystem aufrechterhalten wollen. Das ist einer der Hauptgründe, warum viele junge Pakistaner ins Ausland gehen, weniger, weil sie Geld verdienen wollen.“

Er rechnet allerdings nicht damit, dass sich der Lebensstil in Pakistan in absehbarer Zeit dem in Europa sehr weit annähern wird: „Pakistan wird keine liberale Gesellschaft werden, aber eine sehr viel tolerantere.“ Trotz aller Kritik am System sollte auch niemand mit einem Aufruhr wie in den arabischen Ländern rechnen: „Wir sind viel weiter. Wir haben angelsächsische Gesetze, ein parlamentarisches System und einen langen Kampf für Unabhängigkeit und Demokratie.“ Hasan fügt hinzu: „Selbst unsere Diktatoren mussten immer eine gewisse Fassade wahren.“

Andere machen sich mehr Sorgen ums Land, etwa was die Religion angeht. In Karatschi haben angesehene Bürger wie Ärzte, Anwälte, ehemalige Senatoren gerade das Forum für ein säkulares Pakistan gegründet. Sie kritisieren, der Islam werde für politische Zwecke und Unterdrückung missbraucht, das sei eines der Grundübel des Landes. Der Status quo widerspreche dem Gedanken von Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah diametral. Die säkulare Idee dagegen stehe für Toleranz, die Grundfeste jeder Demokratie. Der Islam sei die Religion der meisten Pakistaner, aber das sei nicht gleichzusetzen mit Pakistans Kultur, deshalb müssten Staat und Religion getrennt sein. Die Gründer des Forums wissen allerdings, dass es schwer ist, diese Ansicht in Pakistan öffentlich zu vertreten. Zu viele verstehen das als Verrat an den Muslimen.

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