Politik : Stille Versöhnung

Beim 50. Jubiläum der Bundeswehr bleiben viele Kontroversen außen vor

Robert Birnbaum

Berlin - Es gibt Festreden, bei denen ist fast am interessantesten, was nicht drin vorkommt. Als Gerhard Schröder am Dienstag im Lichthof des Deutschen Historischen Museums das 50-jährige Bestehen der Bundeswehr würdigt, fällt zum Beispiel das Wort „Nachrüstung“ nicht. Vom Streit um die Wiederbewaffung redet der Kanzler, von den frühen Kontroversen um eine „neue Wehrmacht“ in jenem Deutschland, das gerade erst seinen zweiten Weltkrieg angezettelt und verloren hatte. Aber die späteren, nicht minder heftigen Kontroversen lässt Schröder unerwähnt. Und man tut ihm gewiss nicht unrecht mit der Vermutung, dass dahinter so etwas wie eine sehr dezente Geschichtspolitik steht: Die stille Versöhnung einer Generation mit den einst doch eher skeptisch betrachteten Grundbausteinen der Republik.

Die Bundeswehr, die vor genau 50 Jahren in der Ermekeil-Kaserne in Bonn ihre ersten 101 Rekruten vereidigt hat, ist eine dieser Institutionen. Sie sei „vom ersten Tag an eine Armee des Volkes und der Demokratie“ gewesen, sagt Schröder. Ihre Verwurzelung in der Gesellschaft rühre einerseits aus der Erfahrung, dass sie immer wieder rasch und umfassend Hilfe bei Katastrophen gegeben habe. Wer zum Beispiel – kleiner Seitenblick auf den Wahlkampfsommer 2002 – den Einsatz an Elbe und Oder erlebt habe, werde das nie vergessen. Zum anderen habe die Bundeswehr von Anfang an deutlich gemacht, dass sie nicht in der „verhängnisvollen Tradition des deutschen Militarismus“ stehe. Sondern an die Männer des 20. Juli anknüpfe oder auch an Scharnhorst, den preußischen Heeresreformer, der die Idee der Bürgerarmee gegen die Fürsten- und Kabinettsheere stellte.

Schröder schaut bei dieser Passage einmal kurz nach links. Dort sitzt Ulrich de Maiziere, einer der Väter des Konzepts Innere Führung; Verteidigungsminister Peter Struck hat den Ex-General zuvor begrüßt. Das Auditorium – viele aktive und pensionierte Militärs, recht wenig Politik, dafür einige der Rekruten der ersten Stunde – hat applaudiert wie sonst nur noch an den Stellen, an denen Struck wie Schröder sich klar zur Wehrpflicht bekennen. Die sei, sagt der Kanzler, auch unter geänderten Bedingungen die „bewährte Basis für die Bundeswehr“.

Diese neuen Bedingungen sind sein zweites Thema: Deutschland, eine „mittlere Friedensmacht“ – das Stichwort „Irak“ liegt in der Luft, fällt aber ebenfalls nicht. Dafür ein anderes: Unsere militärische Rolle in der Welt ergebe sich aus der geographischen wie der politischen Lage, aus Bündnispflichten, „aber auch aus unseren eigenen Interessen“. Wo er die in erster Linie gerne festmachen würde, daran lässt Schröder keinen Zweifel: Eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik „kann und soll die Nato nicht ersetzen. Sie kann und muss die Nato aber ergänzen.“ Auch deshalb dürfe Europa nicht scheitern. Auch nicht – kleiner Seitenblick auf den Wahlkampf 2005 – die Erweiterung um Staaten wie Rumänien und Bulgarien, denen sonst ja nur der Rückfall in den Nationalismus bliebe. „Wir müssen die großartige Idee eines einigen und ganzen Europas beisammen halten,“ sagt Schröder. „Das – und nicht allem und jedem nachzugeben – ist die wirklich historische Verantwortung, die wir gegenwärtig politisch haben.“ Ein wenig klingt das wie der späte Helmut Kohl. Aber der ist ja, auf seine ganz andere Weise, auch immer ein Geschichtspolitiker gewesen.

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