Politik : "Stilles Lied eines Stummen": Ein Mensch bleiben

Dorothea Heintze

Ist man noch ein Mensch, wenn man verfaulte Tierkadaver isst, wenn man durch Berge von Exkrementen watet, wenn man fast nackt im Dschungel Bäume fällt und wenn man selbst im Erbrochenen noch nach verwertbaren Essensresten sucht?

Fragen, auf die der indonesische Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer nur eine Antwort gibt: Man ist Mensch, um Mensch zu sein. Kein noch so schreckliches Erlebnis, keine noch so traumatische Gefangenschaft entlässt den Menschen aus seiner Pflicht zu humanitärem Bewusstsein, zu Mitmenschlichkeit und Mitverantwortung.

30 Jahre alt war Pramoedya, als er in der Nacht vom 13. Oktober 1965, aus seinem Haus in der indonesischen Hauptstadt Jakarta entführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Schriftsteller zu den bekanntesten Persönlichkeiten der indonesischen Literatur. Wenige Tage vorher hatte es einen angeblich kommunistischen Putsch gegeben, mehrere hochrangige Militärs waren ermordet worden. Was tatsächlich geschah, ist bis heute noch nicht klar - fest steht, dass im Anschluss an die blutigen Säuberungsaktionen der damals amtierende Präsident Sukarno entmachtet wurde. Nachfolger Suharto blieb 31 Jahre an der Regierung, erst heute, drei Jahre nach seiner Ablösung, werden die Folgen seiner brutalen Militärdiktatur in Indonesien schrittweise aufgearbeitet.

Von Jakarta aus wurde Pramoedya in verschiedene Gefängnisse verlegt, im August 1969 wird er auf die Molukkeninsel Buru verbannt. Es gab keinen Haftbefehl, kein Gerichtsurteil, keine Möglichkeit der Verteidigung. Erst 1979 wurde Pramoedya entlassen, mit einem der letzten Gefangenentransporte verließ er die unwirtliche Dschungelinsel Buru und kehrte zu seiner Familie zurück. Noch jahrelang galt er als "Ex-Tapol", als ehemaliger politischer Gefangener, mit Stempel im Pass und wöchentlicher Meldefrist bei den Polizeibehörden. Erst 1999 durfte der 75-Jährige in die USA und nach Europa reisen. Bis heute gibt es keine offizielle Entschuldigung von Seiten der indonesischen Machthaber, bis heute sind die Werke des berühmtesten Autors Indonesiens im Land selbst offiziell verboten.

Die Aufzeichnungen aus Buru lassen den Leser innerlich gefrieren. Klar und ohne Sentimentalitäten schildert Pram den Alltag in diesem Strafgefangenenlager am Ende der Welt. Mit Macheten müssen er und seine Leidensgenossen den Dschungel roden, der von ihnen angebaute Reis wird von den Offizieren verkauft, mit dem Geld finanzieren sie ihre Konkubinen, die Gefangenen machen Jagd auf Maden, Würmer und Ratten, um nicht zu verhungern. Hunderte sterben an Entkräftung, viele begehen Selbstmord.

Pramoedya selbst hat nur überlebt, weil er sich eines Tages dazu durchrang, wieder mit dem Schreiben anzufangen. Erst heimlich, nachts, auf Papierfetzen mit Bleistiftstummeln, dann, ab 1973 mit offizieller Erlaubnis der Lagerleitung. Ein Großteil der Aufzeichnungen ging verloren. Doch das, was Pramoedya aus dem Lager retten konnte, ist beeindruckend genug: Seine wichtigsten Romane, die Tetralogie "Garten der Menschheit", entstand im Lager.

Er hatte keine Nachschlagewerke, keine Zeitungen, kein Radio, kein Fernsehen. Er wusste kaum, wie es seiner Frau und seinen Kindern geht, er hatte keinen Kontakt zu Kollegen. Dennoch liest sich das, was dieser Autor in der Verbannung geschrieben hat, wie das Werk eines im Zeitgeschehen stehenden Menschen. Ob er seiner Tochter aus erster Ehe schildert, warum er sich von ihrer Mutter getrennt hat, ob er das Kastensystem im kolonialen Indonesien darstellt oder über Leben und Sterben junger Menschen im Lager philosophiert - die Unbestechlichkeit, mit der Pramoedya sich selbst und seine Umwelt skizziert, ist faszinierend. Weder Rachegefühle noch Bitterkeit trüben den Blick.

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