Politik : Stilles Streben

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das endlich Konzerthaus zu benennen wir immer wieder erfolglos ermahnt werden, ist für feierliche Staatsakte einer der schönsten Orte der Republik. Besonders rigide Denkmalschützer werfen den Restauratoren der ehemaligen DDR zwar vor, der Kriegsruine unter sträflicher Missachtung der historischen Ausmalung zu neuem Glanz verholfen zu haben, aber Banausen wie wir lassen uns dadurch unsere hochgestimmten Gefühle nicht vermiesen.

Zu Emotionen gehört der Gesang. Der obligatorische Gesang bei Staatsakten ist der der Nationalhymne. Bei dem Publikum, wie es gestern der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit beiwohnte, kann man nicht nur die erwähnten hochgestimmten Gefühle voraussetzen, sondern auch Kenntnis des Textes der dritten Strophe des Deutschlandliedes. Und bei denen, die in einem kurzen Moment der Konzentrationsschwäche plötzlich nicht mehr wissen, wie es nach „…das deutsche Vaterland“ weitergeht, kann man angesichts der immer präsenten Fernsehkameras so viel Karaoke-Routine erwarten, dass sie die zur Melodie passenden Lippenbewegungen hinbekommen. Was man bei einem solchen Anlass keinesfalls erwartet: jemand, der nicht singen will.

Was also verhinderte am Einheitstag den stimmlichen Einsatz von Claudia Roth (zweite Reihe) und Joschka Fischer (erste Reihe)? Beide grüne Politiker, sonst eher Meister der Ausdrucksmimik, lauschten nicht uninteressiert, aber sangen nicht. Kein strebendes Bemühen, nicht brüderlich mit Herz und Hand, kein blühender Glanz. Kanzler, sind die Koalitionsgespräche denn so furchtbar gewesen? Gerd Appenzeller

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