Politik : Stimme der Hoffnung

STEPHAN ISRAEL

TETOVO .Es ist kurz vor sechs Uhr abends, und bei "Koha Ditore" ist das Gedränge besonders groß.Der Redaktionsraum der Zeitung im Exil verbirgt sich hinter einer mit Papier notdürftig verklebten Scheibe im ersten Stock eines Wohn- und Geschäftshauses im Zentrum von Tetovo.Acht Computer stehen auf engem Raum entlang der Wand, in einem Zimmer mit kaum mehr als 20 Quadratmetern.Für mehr reicht es vorerst nicht.Vor knapp zwei Monaten war die populäre Zeitung ein letztes Mal in Pristina erschienen.Wenige Tage vor Beginn der Nato-Luftangriffe hatte das Belgrader Regime "Koha Ditore" zur Einstellung gezwungen.

In der Zwischenzeit haben serbische Einheiten Hunderttausende Kosovo-Albaner vertrieben, und auch die Mitarbeiter der Zeitung mußten fliehen oder untertauchen.35 von ihnen haben sich in Mazedonien gefunden und produzieren inzwischen wieder jeden Tag eine Zeitung.

Die politische Führung der Kosovo-Albaner ist verstreut.Als umso wichtiger beschreibt Chefredakteur Baton Haxhiu die Rolle der Zeitung: "Wir geben den Flüchtlingen Hoffnung, und wir sind ihre Stimme." Jeden Tag wird ausführlich über die Luftangriffe gegen Jugoslawien und über die letzten diplomatischen Bemühungen berichtet.Auch die Vertriebenen kommen zu Wort.Jeder Flüchtling bringt seine Geschichte mit und einige davon werden veröffentlicht.

"Koha Ditore" will aber auch ein anderes Bild der Kosovo-Albaner zeigen.Nicht nur die weinende Flüchtlingsfrau mit dem Kind auf dem Arm oder der alte Mann, der an der Grenze stirbt, sind ein Thema.Die Zeitung will auch die politische Debatte unter den auf Mazedonien, Albanien und ganz Westeuropa verteilten Exponenten der Kosovo-Albaner wieder beleben.

Das Blatt ist für viele die einzige Verbindung zur Außenwelt.Zehntausend Expemlare von "Koha Ditore" werden mit britischer Starthilfe in Mazedoniens Flüchtlingslagern gratis verteilt.In den nächsten Tagen sollen zusätzliche Computer, von Paris gespendet, eintreffen.Doch es fehlt nicht nur an Computern.Die Redaktion verfügt auch nicht über eigene Telefone.Für die Journalisten ist die einzige Verbindung zur Außenwelt ein Kabel, das ins Internet-Café im Erdgeschoß führt.Darüber werden auch die fertigen Seiten nach Frankfurt übermittelt, wo 30 000 Exemplare der internationalen Ausgabe für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Skandinavien gedruckt werden.

Doch das Geld reicht vorerst nur bis Ende Juni.Länger möchte Baton Haxhiu die Flüchtlinge ohnehin nicht hinhalten müssen: Sollte bis zum 1.Juli eine Rückkehr nicht in greifbare Nähe rücken, will er keine falschen Hoffnungen mehr schüren und die Zeitung einstellen: "Es gäbe dann keinen Grund für Hoffnung mehr, das wäre alles nur mehr Illusion".

Baton Haxhiu unterstreicht im gleichen Atemzug die Bedeutung seiner Zeitung für die Stabilität Mazedoniens.Wenn die Flüchtlinge erst die Hoffnung verlieren, könnten sie die hohen Zäune um die Lager niederreißen oder sich in ihrer Verzweiflung dem "Befreiungskampf" im Kosovo anschließen wollen.Noch will aber Baton Haxhiu die Hoffnung nicht aufgeben und sucht bereits nach Sponsoren für den Neuaufbau der Zeitung in Pristina.Über all den Plänen lastet aber die Sorge um die 31 Mitarbeiter, die noch im Kosovo vermutet werden, darunter auch "Gründervater" Veton Surroi.

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