Politik : Stimme der Wirtschaft: Ulrich Cartellieri, der neue Schatzmeister der Partei

Stephan-Andreas Casdorff

Halb sitzt er, halb steht er, die Stuhllehne gibt ihm Halt. Lässig wirkt das, aber in keinem Moment entgleitet ihm die Kontrolle. Er kontrolliert sich, seine Gegenüber, beobachtet, auch seine Wirkung auf sie. Ulrich Cartellieri, der neue Mann für die Finanzen der CDU, ins dunkle Blau der Banker gekleidet: jeder Zoll ein Herr. Er ist drahtig. Selbst seine weißen Haare sind es. 62 Jahre alt sei er, ja, das dürfe jeder wissen, sagt Cartellieri mit einem schmalen Lächeln. Aber den Geburtstag, den will er nicht verraten, nicht einmal offiziellen Biografen: Ob er sich denn mit "junk mail" zuschütten lassen solle, mit unnötiger Werbung? Seine Frage ist rhetorisch. Der Ton, der klingt schon so. Einer wie Cartellieri lässt sich nicht einfach werben, der entscheidet selber. Straff steht er jetzt da, die Arme vor der Brust verschränkt. Geduldig - aber zwischendurch mit einem unüberhörbaren Hinweis auf seine Geduld - sagt Cartellieri immer wieder, wie es kommt, dass er nun für die gebeutelten Christdemokraten Spenden sammeln wird: Weil er es für nötig hält. Er, der in der Wirtschaft so viele wie kaum ein anderer kennt, er, der in der weit vernetzten Deutschen Bank Vorstand war und beste Kontakte in die Neue Welt hat. "Berater" ist er dort, und das sind wenige Deutsche.

Als Berater will er auch im höchsten Gremium der CDU tätig sein. Natürlich hat er feste Ansichten. Die Mitte, in die alle drängen, die "braucht zwei Volksparteien". Eine alleine schaffe es nicht. Und wo alle Politiker das Wort "Weimar" für die Beschreibung der politischen Verhältnisse scheuen, da kennt der Mann der Wirtschaft keine Hemmung: Wegen der Erfahrungen aus dieser Zeit, und damit sie sich nie wiederhole, werde er jetzt als CDU-Mitglied aktiv. Die CDU braucht Hilfe, also hilft er, so "kontinuierlich", wie er sich über die Politik geäußert hat. Jetzt fühlt er sich herausgefordert. Aber ein Politiker wird er deshalb nicht. "Austauschbar" seien die beiden Volksparteien, sagt er und registriert die zweifelnden Blicke sofort. "Ja, schauen Sie doch", sagt Cartellieri und erklärt knapp, dass doch der Kanzler Schröder nun das in die Tat umsetze, was die Union als Programm gehabt habe.

Und weil er weltläufig ist, hat er auch "Freunde bei Labour in Neuseeland und Australien". Die hätten auch dem Tony Blair geraten: Nimm das Programm der Konservativen und setz es durch. Nur sei es Stückwerk, was Gerhard Schröder in Deutschland mache, die Steuerreform, die Rentenreform, die Öko-Steuer, und deshalb müsse die CDU rasch wieder mit den besseren Konzepten und Zukunftsprogrammen kommen.

Cartellieri redet sehr politisch, denkt politisch seit seiner Jugendzeit in Heidelberg. Aber große Reden halten will er nicht. Nicht den Stollmann der CDU will er geben, sondern in den Führungsgremien die Stimme der Wirtschaft sein, nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Interessen und ihre Sichtweisen einbringen. Nicht groß nach außen hin in Erscheinung treten, sondern nach innen wirken: "Ich will ihnen ja keine Schwierigkeiten machen, sondern helfen", sagt er mit einem Blick auf Angela Merkel und Ruprecht Polenz, und es hört sich an wie ein Vorstandsbeschluss. Matthias Wissmann, der Vorgänger als Schatzmeister, hatte Cartellieri auf einer Liste möglicher Nachfolger aufgeführt, als einen von zwei Namen. Entschieden hat Angela Merkel, die Gremien folgten ihr. Cartellieri kommentiert das auch im Nachhinein nur mit einem Lächeln und dem lakonischen Satz, sie würden sich schon etwas dabei gedacht haben. Wann er nun anfängt, jetzt, direkt nach seiner Wahl? Cartellieri zuckt die Achseln. Akten mitnehmen werde er, sich einarbeiten, mit dem neuen Generalsekretär Polenz über die Strukturen sprechen, und dann ... Genauer will er nicht werden, noch nicht. Dass es schnell gehen wird, ist aber zu erwarten. Denn schnelles Arbeiten, sagt Cartellieri, sei er gewohnt. Und es ist bestimmt auch seine Art.

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