Stockholm : Terror eines Einzeltäters?

Die Polizei in Schweden glaubt nach dem Anschlag in Stockholm nicht an ausländische Hintermänner. Der Attentäter wollte sich vermutlich nicht selbst töten.

von
Tatort Stockholm. Ein Ermittler untersucht noch am Samstagabend einen der Anschlagsorte in der schwedischen Hauptstadt. Der Leichnam des getöteten Attentäters ist mit einer Plane abgedeckt. Am Sonntag waren hier wieder Passanten unterwegs.
Tatort Stockholm. Ein Ermittler untersucht noch am Samstagabend einen der Anschlagsorte in der schwedischen Hauptstadt. Der...Foto: Frederik Persson/AFP

Noch am Sonntagmorgen waren die Blutspuren auf der Drottninggata in Stockholm zu sehen. Dort, wo am Vorabend ein Auto explodiert war. Von wirklicher Panik war dennoch nichts zu spüren. Mütter nutzten den sonnigen Tag und schoben ihre Kinderwagen wie gewohnt durch den Schnee zu einem der zahlreichen Cafés. Die Nachricht von einem knapp gescheiterten und von der Polizei als „sehr ernst“ eingestuften Terroranschlag hielt kaum jemanden von seinem geplanten Sonntagsspaziergang ab.

Zwei Explosionen hatten sich am Samstag gegen 17 Uhr im Zentrum der schwedischen Hauptstadt ereignet. Der Attentäter kam dabei ums Leben, zwei Passanten, die auf der belebten Einkaufstraße unterwegs waren, wurden verletzt. Am Samstagnachmittag war zunächst ein Auto an der Ecke Drottningsgata/Olof Palme Gata explodiert. Unweit von dem Ort also, wo die Ermordung von Ministerpräsident Olof Palme einst das friedliche und neutrale Wohlfahrtsland erschüttert hatte. Wenige Minuten später ging 200 Meter entfernt eine weitere Bombe unweit des deutschen Goethe-Institutes hoch.

„Ich war an der Drottninggata 71, als wir aus dem Haus kamen, hörten wir eine Explosion, gesehen haben wir allerdings nicht sehr viel: Staub, Geschrei und Rauch“, erzählt Bianca Nordin mit brüchiger Stimme. „ Da lag ein Mensch auf der Straße unter einer Plane. Dann hieß es, es könne noch mehr passieren, und wir rannten weg.“ Ihre Mutter Camilla Nordin war zu diesem Zeitpunkt im Hotel, das am ersten Anschlagsort liegt: „Es knallte gewaltig. Genau vor meinem Hotelfenster sah ich ein Auto, das brennt“, sagt sie. „Ich stand da und verstand nicht richtig, was los war. Ich weiß nicht, ob ich mich in Stockholm noch mal sicher fühlen kann. Das Gefühl, so etwas passiert hier nicht, ist verschwunden“, erklärt die schockierte Mutter dem schwedischen Radiosender SR.

Die Sicherheitspolizei Säpo geht von einem Einzeltäter aus, Folgetaten seien vermutlich nicht zu erwarten. Die Sicherheitsstufe müsse nicht erhöht werden, beruhigte Säpo-Sprecher Anders Thornberg am Sonntag. Dennoch sollen mehr Polizeistreifen eingesetzt werden. Bei einer Pressekonferenz zeichnete die Polizei, ohne auf Details einzugehen, das Bild eines verwirrten Amateurs. „Das Ganze ist eine schaurige Angelegenheit, eine sehr schaurige“, sagte Oberstaatsanwalt Tomas Lindstrand und deutete an, dass der Attentäter vermutlich kein freiwilliger Selbstmordattentäter war: „Er starb vermutlich an Sprengmittel, dass er mit sich führte und das explodierte, als es vermutlich nicht hätte explodieren sollen“, sagte Lindstrand. „Wir werden dennoch die Polizeipräsenz in Stockholm erhöhen, damit sich die Allgemeinheit mit Informationen an die Beamten wenden kann, und um einfach das Sicherheitsgefühl zu erhöhen“, sagte Erik Widstrand, von der Stockholmer Polizei. „Es gibt absolut keinen Grund, Angst zu haben“, fügte er hinzu.

Dass der 29-Jährige Kontakte zu einem radikalislamischen Terrornetzwerk hatte, bezweifelt die Polizei. Es gebe auch keine Anhaltspunkte für etwaige Komplizen. Genaueres zum Täter wollte die Polizei zunächst nicht bekannt geben. Allerdings erhielt sie vor dem Anschlag einen Drohbrief, in der ein „heiliger Krieg“ angekündigt wurde. Der vermeintliche Grund: Schwedens Beteiligung am Krieg in Afghanistan und die Tatsache, dass neben den derzeit angefeindeten dänischen Künstlern auch der Schwede Lars Vilks vor vielen Jahren eine Mohammed-Karikatur gezeichnet hatte.

Der Täter wohnte im Zentrum der Kleinstadt Tranås, mehrere Hundert Kilometer südwestlich von Stockholm. Dort ermittelte am Sonntag eine Säpo-Sondereinheit.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar