Politik : Stöber, Schroider? Von wegen!

DAS ZWEITE TV-DUELL

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Von Gerd Appenzeller

Ob der gestrige Fernsehabend die Bundestagswahl entschieden hat? Das werden wir wohl erst am 22. September wissen, wenn sich bei den Nachfragen der Meinungsforscher vielleicht zeigt, wie viele Menschen letztlich ihre Entscheidung von dem abhängig gemacht haben, was Edmund Stoiber und Gerhard Schröder gestern vermittelt haben. Eines aber steht heute schon fest:Es geht zwar, wie der Kanzler das vor Monaten einmal formuliert hat, um „Der oder ich“. Aber es geht nicht um Fort- oder Rückschritt, um die Wahl zwischen Provinz und Professionalität. Beide Kandidaten haben Statur, Stoiber hat innerhalb eines halben Jahres jenes Profil gewonnen, das ihm die Sozialdemokraten noch vor seiner Nominierung abgesprochen hatten. Und dass Schröder in seinem Element ist, wenn er herausgefordert wird, haben wir auch schon vorher gewusst.

Um einen Politikwechsel, um den geht es wohl, darum, ob die Union das wagen würde, was die SPD und die Grünen sich nun endlich trauen wollen, die Reform des Sozialstaats zum Beispiel. Zwei mal 75 Minuten Interviews haben darüber nicht letzte Klarheit gebracht. Aber Informationen haben wir bekommen, gestern mehr als bei der ersten Sendung, und vielleicht auch mehr, als den beiden Kandidaten lieb sein mag, schränken die Festlegungen doch ihren späteren Spielraum ein. Das betrifft vor allem Gerhard Schröder, der die nächste Kindergelderhöhung davon abhängig machen musste, dass die Kassenlage auch noch dringend nötige Investitionen im Bildungsbereich zulässt. Das trifft Stoiber, weil er eine Große Koalition so explizit ausschloss, wie man das in Kenntnis der denkbaren Mehrheitsverhältnisse eben einfach nicht tun darf. Und das betraf beide in der Irak-Politik: Wie der Kanzler jetzt noch von seinem geradezu apodiktischen Nein gegen eine internationale Intervention herunter kommt, selbst, wenn die UN dazu Ja sagen; wie Stoiber Ja zu einem (vielleicht einleuchtend begründeten) amerikanischen Vorgehen ohne Segen der Vereinten Nationen sagen könnte – beides bleibt nach dem Abend rätselhaft.

Die Regeln zwischen dem ersten und dem zweiten Durchgang wurden nicht geändert. Aber Sabine Christiansen und Maybrit Illner haben von den Erfahrungen ihrer beiden Kollegen vor zwei Wochen gelernt, die angesichts einer für alle Beteiligten neuen und emotional hoch aufgeladenen Situation verkrampft waren. Das galt übrigens auch für die Kandidaten. Von denen hatten vor zwei Wochen Medienexperten noch festgestellt, sie bewegten sich wie „gefesselte Riesen“. Davon konnte gestern keine Rede mehr sein. Christiansen und Illner konnten zwar nicht jede Geschwätzigkeit bremsen, aber sie hakten nach und erwischten dabei Stoiber mehr als Schröder bei ausweichenden Antworten. Den größeren Freiraum nutzte Schröder geschickter als Stoiber. Dass er spontan von einer befragten, repräsentativen Mehrheit als der Sieger empfunden wurde, spiegelt diesen Eindruck.

Beim ersten TV-Duell schauten etwa 15 Millionen Menschen zu. Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen konnte Edmund Stoiber dabei aus dem Lager der Unentschiedenen drei Prozent auf seine Seite ziehen. Drei Prozent, das sind 450000 Menschen. Gestern aber hatte er keinen Außenseiterbonus mehr. In den zwei Wochen bis zur Wahl gibt es kein Ereignis, das annähernd diese breite, öffentliche Resonanz haben wird wie die Sendungen aus Berlin-Adlershof. Das Gespräch darüber, die Analysen werden uns in den kommenden Tagen beschäftigen. Eines haben wir in jedem Fall daraus gelernt: Diejenigen, die uns warnten, wir bekämen keine neuen Eindrücke, keine frischen Impulse, haben sich getäuscht. Die Kandidaten sind nicht verwechselbar. Es ist nicht egal, ob Schroider oder Stöber die Wahl gewinnt. Nein, Edmund Stoiber und Gerhard Schröder stehen für verschiedene Politikentwürfe, für verschiedene Temperamente. Millionen Menschen haben die Chance gehabt, beide Politiker so unmittelbar zu erleben wie nie zuvor in einem Wahlkampf. Hinter diese TV-Duelle wird es kein Zurück mehr geben, kein künftiger Kanzler wird sich einer ähnlichen Veranstaltung entziehen können. Die Entscheidungen sind dadurch offener geworden, knapper, spannender. Hat da jemand behauptet, Politik sei langweilig?

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