Politik : Störfall im Atomkonsens

Panne in schwedischem AKW heizt die Ausstiegsdebatte an / Sicherheit auch in Deutschland gefährdet?

Matthias Schlegel

Berlin - Der Ausfall der Stromversorgung im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark und die Abschaltung von vier der zehn Atomreaktoren des Landes haben in Deutschland die Debatte über die Atomkraft angeheizt. Während der bayrische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) die Kernkraft verteidigte und sich für den Bau neuer Atomkraftwerke aussprach, warnte sein Parteifreund Josef Göppel am Freitag: „Kernenergie ist keine Dauerlösung.“ Der Obmann der Union im Bundestags-Umweltausschuss sagte, eine „Verkettung derartiger unglücklicher Umstände kann auch in einem deutschen Kernkraftwerk nicht ausgeschlossen werden“. Mit dieser Technik „sitzt unsere Bevölkerung auf einem Pulverfass“. Die Bundesregierung müsse am Atomausstieg festhalten.

Auch der umweltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Marco Bülow erklärte, der Störfall habe deutlich gemacht, „dass die Atomkrafttechnologie doch nicht beherrschbar ist“. Seine Partei setze sich deshalb weiterhin für den Atomausstieg in Deutschland ein. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW forderte das Bundesumweltministerium auf, die deutschen Atomkraftwerke „vorsorglich abzuschalten“, und kritisierte die Informationspolitik des Umweltministeriums. Die Umweltorganisation Greenpeace verlangte von der Bundesregierung, den Atomausstieg zu beschleunigen. Linkspartei-Fraktionschef Oskar Lafontaine warf der großen Koalition vor, „fahrlässig und gesellschaftlich unverantwortlich“ zu handeln, wenn sie die Atomkraft in Deutschland „wieder ins Zentrum der Energiepolitik“ rücke.

Die politische Debatte eilte der Faktenlage zunächst voraus. Denn über die technischen Ursachen der Panne ist bislang noch relativ wenig bekannt. Nach Ansicht des Bundesumweltministeriums ist der Ausfall der elektrischen Versorgungen in Forsmark aber „ein sicherheitstechnisch ernstes Ereignis“ gewesen.

Über die Frage, ob ein ähnlicher Fall in deutschen AKW denkbar ist, gehen die Meinungen auseinander. Der Atomexperte Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt sagte dem Tagesspiegel, die Sicherheitsniveaus in schwedischen und deutschen Atomkraftwerken seien „ähnlich hoch“. Auch das grundlegende Konzept der Stromversorgung mit den drei Ebenen – Eigenbedarfsversorgung, Notstromversorgung, unterbrechungsfreie Stromversorgung – sei in Schweden und Deutschland vergleichbar. Das Problem sei gewesen, dass ein Kurzschluss auf der oberen Ebene offensichtlich auch Auswirkungen auf die untere Ebene, also die Notstromversorgung, hatte. Das hätte nicht passieren dürfen, weil beide Ebenen normalerweise voneinander abgekoppelt sind. „Wenn zwei von vier Notstromaggregaten einfach so ausfallen, können natürlich theoretisch auch mal alle vier ausfallen. Das wäre dann ein sehr, sehr großes Problem.“ Es müsse jetzt untersucht werden, wie es zu dieser Rückwirkung von der einen auf die andere Ebene kam. Das IPPNW erinnerte an einen wetterbedingten Kurzschluss im AKW Biblis B, bei dem es im Februar 2004 zum Notstromausfall gekommen sei. Es handle sich dabei um eine „ganz grundlegende, nicht lösbare Sicherheitslücke“.

Das deutsche Atomforum (DAtF), eine Vereinigung von Unternehmen und Institutionen zur Förderung der Atomkraft, schloss hingegen aus, dass „ein solcher Zwischenfall in deutschen Kernkraftwerken die gleichen Folgen hätte“. Das Konzept der unterbrechungslosen Stromversorgung in deutschen AKW „unterscheidet sich signifikant von dem im Kernkraftwerk Forsmark“, teilte das DAtF mit. Unterschiede bestünden in der Dimensionierung und der eingesetzten Gerätetechnik.

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