Politik : Stoff für die Gotteskrieger

Die Entführer von zwei Franzosen wollen von Paris die Rücknahme des Kopftuch-Verbots erzwingen

Albrecht Meier

Paris/Berlin - Alarmiert, aber auch unnachgiebig – so reagierte die französische Regierung am Sonntag auf die Entführung von zwei Journalisten im Irak. Premierminister Jean-Pierre Raffarin rief seine Minister zu mehreren Krisensitzungen zusammen, am Nachmittag beriet er mit Staatschef Jacques Chirac über die Lage. Der kündigte später an, Außenminister Michel Barnier werde umgehend in die Region reisen, um „alle zur Verfügung stehenden Mittel für die Freilassung der zwei Journalisten“ zu mobilisieren: „Die ganze Nation steht in dieser Frage zusammen.“

Innenminister Dominique de Villepin traf Vertreter der Muslime in Frankreich und erklärte anschließend: „Wir fordern gemeinsam die Freilassung.“ Die Zusammenkunft de Villepins mit den muslimischen Repräsentanten war auch als Signal an die Geiselnehmer gemeint: Mit ihrer Forderung, das Kopftuchverbot an französischen Schulen innerhalb von 48 Stunden zu widerrufen, stoßen die Entführer auf Granit.

Die Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot waren vor über einer Woche auf dem Weg in die umkämpfte Stadt Nadschaf verschwunden. Der Sender Al Dschasira strahlte am Samstagabend ein Video aus, das die beiden Männer zeigt. Sie seien in der Hand der „Islamischen Armee Iraks“, hieß es in einer kurzen Erklärung der Entführten. Paris hat allen Grund zur Sorge: Die „Islamische Armee Iraks“ hatte vergangene Woche erklärt, sie habe den italienischen Journalisten Enzo Baldoni getötet. Zuvor hatte die Terrorgruppe verlangt, die italienischen Truppen aus dem Irak innerhalb von 48 Stunden abzuziehen. Andererseits sind zwei totgeglaubte türkische Geiseln am Sonntag aufgetaucht – wohl deshalb, weil die Firma, für die sie tätig waren, den verlangten Abzug aus dem Land angekündigt hatte.

Ganz überraschend kommt die Entführung der Franzosen nicht. Bereits im März hatte Raffarin zu erhöhter Wachsamkeit im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus aufgerufen. Das Kopftuchverbot für Schülerinnen an den staatlichen Schulen Frankreichs, das mit dem Schulbeginn am Donnerstag als Teil des so genannten Laizitätsgesetzes in Kraft tritt, habe inzwischen auch die Al Qaida auf den Plan gerufen, sagte Raffarin schon damals. Zuvor hatte der Sender „Al Arabiya“ ein Tonband ausgestrahlt, auf dem die angebliche Stimme des Stellvertreters von Osama bin Laden, Ayman al Zawahiri, Frankreichs Präsidenten Chirac als einen „hasserfüllten Kreuzritter“ bezeichnete. Al Zawahiri betrachtete das Kopftuchverbot in Frankreich als einen „Grund für einen heiligen Krieg“.

Das strenge Verbot von Kopftüchern, aber auch von anderen deutlich zur Schau getragenen religiösen Symbolen an Frankreichs Schulen geht auf die Trennung zwischen Staat und Religion zurück. Das Kopftuchverbot löste in Frankreich vor seiner Verabschiedung durch das Parlament im März zwar etliche Diskussionen aus; inzwischen ist der Streit aber wieder abgekühlt. Die Forderung der Entführer der beiden Journalisten, das Verbot zu widerrufen, stieß in Frankreich auf einhellige Ablehnung.

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