Politik : Stoff für einen Krach

Die türkische Regierung will das Kopftuch offiziell erlauben – das Militär ist strikt dagegen

Thomas Seibert[Istanbul]

In der Türkei ist der Kopftuchstreit ein Brennpunkt im Konflikt zwischen Regierung und Armee. Wenn einige Minister-Gattinnen zusammen eine Modeschau besuchen, ist das in den wenigsten Ländern eine Debatte wert. In der Türkei ist das anders. Am selben Tag, an dem vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Verfahren im so genannten Kopftuchstreit begann, gab es in Ankara Krach um eine Kopftuch-Modenschau. Bekannte Mannequins sollten in einem staatlichen Saal vorführen, wie attraktiv islamisch-sittsame Mode sein kann – doch nach wütenden Protesten der Opposition musste die Show in ein Hotel umziehen. „Krisen-Defilee" nannte die türkische Presse die von mehreren Minister-Gattinnen der islamisch geprägten Regierungspartei AKP unterstützte Veranstaltung.

Die Frage, die das Karlsruher Verfassungsgericht beschäftigt, sorgt auch in der Türkei für endlosen Streit: Macht eine Frau nur von ihren persönlichen Freiheitsrechten Gebrauch, wenn sie ein Kopftuch trägt, oder verbindet sich mit dem Stück Stoff ein fundamentalistisches Bekenntnis? In der Türkei ist das Kopftuch in staatlichen Institutionen verboten, weil es dem Staat als Symbol des politischen Islam gilt. Vor vier Jahren wurde eine Parlamentsabgeordnete in Ankara ihres Mandats enthoben und ausgebürgert, weil sie mit Kopftuch zur Vereidigung erschien. Tausende von Studentinnen an staatlichen Universitäten weigern sich, ihre Kopftücher abzulegen – und werden deshalb nicht in die Hörsäle gelassen.

Nach dem Regierungsantritt der AKP im vergangenen November wurde das Kopftuch schnell zum Brennpunkt in der Auseinandersetzung zwischen der neuen Regierung und den Militärs, die sich als Hüter des säkulären Staates sehen.

Vor einigen Wochen boykottierten die Generäle und selbst Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer einen Empfang des Parlamentspräsidenten Bülent Arinc von der AKP, weil dieser vorher angedeutet hatte, das seine – Kopftuch tragende – Ehefrau ebenfalls erscheinen würde. Seit diesem Eklat lassen die Spitzenpolitiker der Regierungspartei bei Empfängen, Diners und anderen offiziellen Anlässen ihre Gattinnen zu Hause. Doch der nächste Krach kommt bestimmt. Die AKP steht bei ihren Wählern im Wort, das Kopftuch-Problem zu lösen, obwohl die Militärs jede Änderung der Kopftuch-Vorschriften ablehnen.

Rückenwind erhielt die AKP jetzt von der ersten gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung über die Haltung der Türken zum Kopftuch. Der bekannte und über jeden Islamismus-Verdacht erhabene Demoskop Tarhan Erdem erforschte bei fast 2000 Türken und Türkinnen in Stadt und Land, wie sie es mit dem Kopftuch halten. Demnach tragen zwar 64,2 Prozent der Türkinnen ein Kopftuch, wenn sie aus dem Haus gehen – aber 70 Prozent halten ihre Kopfbedeckung nicht für ein politisches Symbol. Für die meisten Frauen in der Türkei ist das Kopftuchtragen zwar Tradition, aber keine Provokation. Ohne Tuch würden sie sich halb nackt fühlen.

Drei von vier Türken sind laut Erdems Befragung für die Kopftuch-Freiheit in den Unis, mehr als 60 Prozent hätte nichts gegen Beamtinnen im Kopftuch, und 56 Prozent glauben, dass die AKP-Gattinnen bei staatlichen Anlässen auch mit Kopftuch erscheinen dürfen sollten. Die Befragung lässt erkennen, dass die türkischen Normalbürger wesentlich unverkrampfter mit dem Kopftuch umgehen als das offizielle Ankara. Doch der politische Streit ist damit noch lange nicht gelöst. Die meisten Kopftuchträgerinnen gehören der Umfrage zufolge fest zur Gefolgschaft des islamischen Lagers. Fast die Hälfte von ihnen will auch bei der nächsten Wahl wieder der AKP ihre Stimme geben – Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan weiß also, dass er bei diesem Thema nicht locker lassen darf, wenn er seine Anhängerschaft nicht enttäuschen will.

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