Politik : Stoff zum Streiten

Beim Katholikentag verteidigt Annette Schavan das Kopftuchverbot an Schulen – und hat viele Teilnehmer auf ihrer Seite

Martin Gehlen[Ulm]

Die Rollen waren klar verteilt. Auf dem sechsköpfigen Podium war sie allein gegen alle. Beim Katholikentagspublikum in der Ulmer Messehalle jedoch hatte sie die große Mehrheit hinter sich. Kopftücher zu verbieten sei keineswegs ihr politisches Hobby, verteidigte sich die baden- württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) gegen die harsche Kritik ihrer Parteifreundin Barbara John, der langjährigen Ausländerbeauftragten von Berlin. Diese warf Schavan vor, sie habe nicht nur eine falsche, sondern auch eine gefährliche Debatte angezettelt. „Hier wird eine Kopfschmerztablette gegeben, die dann unversehens zum Herzstillstand führt.“ Denn der siebenjährige Streit ums Kopftuch habe mittlerweile viel mehr Nebenwirkungen als Hauptwirkungen. Wenn sich zum Beispiel junge muslimische Frauen mit Kopftuch als Verkäuferinnen, Änderungsschneiderinnen oder Arzthelferinnen bewürben, bekämen sie oft die Stellen nicht. Zur Begründung heiße es dann, man könne doch nicht jemanden beschäftigen, von der die Politiker sagten, sie unterstütze die Islamisten.

„Wir machen genau das, was wir verhindern wollen“, kritisierte John. „Wir treiben die jungen, besser ausgebildeten Frauen heraus aus Öffentlichkeit und Beruf – obwohl gerade sie eine Brücke bilden könnten zwischen der deutschen Gesellschaft und dem traditionellen islamischen Milieu.“ Zudem haben alle bisherigen soziologischen Untersuchungen ergeben, dass für junge Musliminnen ihr Kopftuch nichts zu tun hat mit Demokratie- oder Emanzipationsfeindlichkeit. Die meisten wollen lediglich ihren Glauben deutlicher kenntlich machen.

Das bestreitet auch Schavan nicht. Ihre Regierung gehe nicht davon aus, „dass jedes Kopftuch mit etwas Bösem einhergeht“. Gleichzeitig dürfe man aber nicht die Augen davor verschließen, dass das Kopftuch auch für politischen Islamismus stehen könne. Wer an deutschen Schulen unterrichten wolle, müsse hier Mehrdeutigkeiten vermeiden. „Das ist der Kern des Problems.“ Für John dagegen stehen so alle jungen Frauen unter Generalverdacht. Nach dieser Logik gelte eine Muslimin erst als integriert, „wenn sie so aussieht, dass sie nicht mehr für eine Muslimin gehalten werden kann“. Das aber sei keine Integration, sondern Assimilation.

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