Politik : Stolpe, der Schiedsrichter (Kommentar)

Michael Mara

Die märkischen Genossen sind unzufrieden mit Manfred Stolpe: Während Vize-Ministerpräsident, Innenminister und CDU-Landeschef Jörg Schönbohm allgegenwärtig ist, kein heißes Eisen auslässt, der SPD mit seinen Vorstößen einen Schrecken nach dem anderen einjagt, blieb der Regierungschef wochenlang stumm. Selbst zu Reizthemen der SPD wie den Kita-Kürzungen lange kein Wort.

Am wachsenden Verdruss der Genossen erstaunt eines, nämlich dass sie Stolpe auch nach zehn Jahren noch nicht kennen. Denn was als Defensive, gar Lustlosigkeit erscheint, ist strategisches Kalkül. Stolpe nimmt die Rolle wahr, die er immer exzellent gespielt hat, die in der latent gefährdeten Koalition nötig ist: die des überparteilichen Moderators, der genau weiß, wann der richtige Moment zum Eingreifen gekommen ist. Wie jetzt, wo er Schönbohm lobt und zugleich in die Grenzen weist, seine eigene aufmuckende Partei streichelt und zugleich ermahnt. Stolpe - der Schiedsrichter.

Nach fünf Monaten sind die Rollen in der Koalition klar verteilt: Nicht Stolpe ist der sozialdemokratische Widerpart des umtriebigen Ministers und Parteichefs Schönbohm. Diese Aufgabe haben seine Offiziere übernommen: Parteichef Reiche und Fraktionschef Fritsch. Die Stolpe-Kritiker aus den eigenen Reihen haben nicht begriffen, dass diese Arbeitsteilung ein unbezahlbarer strategischer Vorteil ist: Stolpe, der Landesvater, ist die ruhende Insel im wogenden Meer, wie jüngst bei den Haushaltsverhandlungen. Das wertet ihn auf. Dagegen läuft Schönbohm Gefahr, sich in seinen Mehrfach-Rollen zu verschleißen: Als Parteichef ist er gebremst, da er auch Stabilisator der latent gefährdeten Koalition sein muss. Nicht mal zum Aschermittwoch konnte er richtig gegen die märkischen Sozialdemokraten wettern, was ihm aber nicht half: Am Tag danach prügelt SPD-Fraktionschef Fritsch trotzdem maßlos übertrieben auf ihn ein. Stolpe wird es nicht billigen. Der lachende Dritte ist er trotzdem.

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