Stolpersteine : Monopol der Erinnerung

Der Umgang mit der Vergangenheit braucht eine Vielfalt an Formen, keine fein abgestimmte Gedenkmaschinerie. Ein Kommentar.

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In Berlin sind die Stolpersteine weit verbreitet.
In Berlin sind die Stolpersteine weit verbreitet.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Mitte Museum ist eine Ausstellung der jüdischen Künstlerin Dessa zu sehen. Mit Collagen und Gemälden, auf die sie kleine Glassteine setzt, erinnert sie an das Kaufhaus Israel, das bis 1939 eines der führenden Berliner Warenhäuser war. Sie möchte mit ihrer Serie „Stolzesteine“ eine Debatte über Alternativen zu den „Stolpersteinen“ anregen. Denn die „verstören und verletzen“ sie, schreibt sie, weil jeder auf ihnen herumtrampeln könne und sie verschmutzt werden.
Doch bei den Stolpersteinen hört die Toleranz der Deutschen auf. Dessa und ihrer Verlegerin erleben Anfeindungen und Empörung. Bei einer Veranstaltung mussten sie sich von einem Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung sagen lassen, die Schauspieler, die auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood mit Sternen im Boden verewigt seien, würden sich auch nicht beschweren.

Würdiges Gedenken sieht anders aus

Auch Charlotte Knobloch, die 83-jährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, hat schon viel Unsensibilität, Beleidigungen und unverhohlene Aggressivität ertragen, weil sie dafür eintritt, dass in München keine Steine verlegt werden. Wer kein Freund der kleinen Steine ist, gilt offenbar als Feind.
Dabei haben Befürworter und Kritiker das gleiche Anliegen: Sie wollen an die Opfer erinnern – möglichst im öffentlichen Raum. Auch darin sind sie sich einig: Es ist toll, dass der Kölner Bildhauer Gunter Demnig mit seiner Idee in so großem Maße das Interesse der Bürger an ihren früheren Nachbarn geweckt hat. Mittlerweile wurden über 50 000 Messingplatten verlegt, die meisten in Deutschland, 6000 in Berlin.


Liegen die Steine aber erst mal da, erlahmt der Eifer der Nachbarn meistens schnell. Die Steine verdrecken, Müllmänner schieben die Container darüber, Anwohner die Fahrräder. Würdiges Gedenken sieht anders aus.
Das Projekt hat auch längst den Charme einer bürgerschaftlichen Initiative verloren. Aus der gut gemeinten Idee ist ein staatlich gefördertes Gedenkprogramm geworden und eine Ideologie, die sich immun stellt gegen Kritik – wie so oft, wenn sich die Deutschen in etwas verlieben. Die Auswahl der zu erinnernden Personen und die Recherche ihrer Biografien übernehmen bezirklich organisierte Stolpersteine-Aktivisten und kommunale Mitarbeiter. Jedes Bezirksamt hat seinen Stolpersteine-Beauftragten und ein kleines Budget für die Begleitung des Projekts. Die fein aufeinander abgestimmte Gedenkmaschinerie schnurrt unaufhörlich. Immer neue Opfergruppen werden entdeckt, für die Steine verlegt werden. Zu den ermordeten Juden sind die Namen von verfolgten Kommunisten und Homosexuellen gekommen, von Euthanasieopfern, Emigranten und Menschen, die von den Nazis als „asozial“ stigmatisiert wurden.


Wer die Aktivisten über ihre eigene erste Begegnung mit den Steinquadern sprechen hört, fühlt sich an Bekehrungsberichte von Sektenmitgliedern erinnert: Es war dunkel, man selbst einsam, plötzlich blitzte auf dem Gehweg etwas auf. Guru Gunter Demnig ist sakrosankt: Fragen danach, wie viel Gewinn er mit den Steinen macht, weisen seine Jünger gereizt zurück: Er handle rein altruistisch, lebe spartanisch und opfere sich 300 Tage im Jahr für die Stolpersteine-Mission auf.

Stolpersteine als Instrument im Kampf gegen Pegida?

In Hamburg liegen mittlerweile Steine, die als Grund der Verfolgung „Rassenschande“ und „Volksschädling“ nennen. Angehörige und Vertreter der jüdischen Gemeinde beschwerten sich, weil sie nicht wollen, dass die Verfolgten erneut in der Tätersprache stigmatisiert werden. Doch der Hamburger Stolpersteine-Koordinator lässt die Kritik abtropfen mit dem Argument, Demnig habe die Begriffe ja in Anführungszeichen gesetzt. Außerdem sei er Künstler und dürfe seine Steine beschriften, wie er wolle. Mehr Selbstgerechtigkeit geht kaum.
Erfahrungen wie diese nähren den Verdacht, dass es bei den Steinen nicht in erster Linie um die Opfer geht, sondern um diejenigen, die sie verlegen. Dazu passt, dass Mitarbeiter von Bezirksämtern erzählen, dass die Messingplatten im Moment besonders gefragt sind – wie immer, wenn eine Welle rechter Gewalt durchs Land schwappe. Stolpersteine als Instrument im Kampf gegen Pegida?
Erinnern und Vergessen sind dynamische Prozesse. Jede Generation muss sich neu über Inhalte und Formen verständigen, damit die Erinnerung lebendig bleibt. Eine Vielfalt an Formen hilft dabei. Der Versuch, eine Form flächendeckend zu monopolisieren, führt zu Erstarrung und Banalisierung – und somit zum Gegenteil dessen, was eigentlich beabsichtigt ist.

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