Politik : Stolz und Verzweifelung

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Von Heik Afheldt

Als ob es um die deutsche Wirtschaft nicht schon schlecht genug bestellt wäre – nun auch noch Streik auf den Baustellen. Auf den ersten Blick ist das schwer zu verstehen. Keine andere Branche steckt seit Jahren so tief in der Krise. Der Fall Holzmann ist noch frisch in Erinnerung. Für Tausende von kleinen und mittleren Bauunternehmen kam bereits das bittere Aus. Fast eine halbe Million Arbeitsplätze sind seit 1995 in Deutschland verloren gegangen. Was heute Not täte, wären Konjunktur- und Kreditprogramme für den Bau, aber keine hohen Lohnforderungen und schon gar kein Streik. Jeder Streiktag kostet 20 Millionen Euro - und weitere Jobs.

Auf den zweiten Blick muss man für die überwältigende Streikbereitschaft der Bauleute Verständnis haben. Die deutsche Bauwirtschaft und ihre Gewerkschaft haben eine stolze Vergangenheit. Das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Krieg war vor allem ein Wiederaufbauwunder. Am Bau, wie in den Bergwerken, wurde kräftig verdient mit hohen Löhnen und reichlichen Überstunden. Dazu kam ein warmer Regen sozialer Wohltaten wie Schlechtwettergelder und eine attraktive zusätzliche Altersrente. Ausländische Kumpel waren auf deutschen Baustellen gefragt und gern gesehen. Sie nahmen keinem die Arbeit weg. Eine kleine Wiederauflage dieser goldenen Bau-Zeiten haben wir nach der Wiedervereinigung erlebt. Der Bau war wieder Lokomotive des Aufschwungs im Osten. Aber die Luft war schnell wieder raus, der Bedarf nach Gebautem war künstlich hochgefördert worden. Was bleibt, sind Überkapazitäten.

Heute sehen Gegenwart und Zukunft am Bau trübe aus. Viele Bauarbeiter, die sich noch an die guten Jahre erinnern, sorgen sich um ihren Job oder sind schon arbeitslos. Ihre Spitzenposition in der Lohnliga haben die Bauleute längst verloren. Trotzdem nehmen die noch billigeren Bauarbeiter aus Portugal oder Polen die immer knappere Arbeit weg. Jetzt treffen die weltweite Liberalisierung und die Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU die deutsche Bauwirtschaft auch zu Hause, in ihren eigenen Vorgärten, später als die übrige Industrie, aber dafür unerbittlicher. Der Berliner Baumarkt ist dafür ein anschauliches und abschreckendes Beispiel. Angst vor der Zukunft geht um bei den Arbeitern. Angst herrscht aber auch bei vielen Baufirmen, die um ihr Überleben kämpfen.

Konnten die Tarifpartner in dieser bedrohlichen Situation keine vernünftige Lösung finden? Auf manche Fragen geben sie ja die gleichen Antworten. Beiden geht es um Schutz vor der Billigkonkurrenz. Die deutsche Bauwirtschaft will verbindliche Mindestlöhne für ungelernte und angelernte Arbeiter von zwischen 8,63 Euro (im Osten) und etwa 12 Euro. Darin und in anderen wichtigen Fragen, in einer ganz neuen Tarifstruktur oder im Umbau der Zusatzversorgung zu stärkerer Kapitaldeckung war man sich in den langen Verhandlungen mit dem Schlichter Heiner Geißler sehr nahe gekommen. Klaus Wiesehügel kennt ja auch die Besonderheit dieser Branche. 40 bis 50 Prozent der gesamten Kosten sind Lohnkosten. Da ist es weitaus schwieriger, höhere Löhne zu verkraften als etwa in der Metallindustrie mit nur 10 bis 20 Prozent Personalkosten. Der Rationalisierung, dem Einsatz von Maschinen statt menschlicher Arbeitskraft oder der Standardisierung sind im Bau besonders enge Grenzen gesetzt.

Warum dann also dieser erste bundesweite, schmerzhafte Streik in der deutschen Bauwirtschaft? Die Gewerkschaft will Flagge zeigen gegenüber ihren verunsicherten Mitgliedern. Aber sie kämpft auch um ihre eigene Zukunft, um ihren flächendeckenden Einfluss, um ihre Macht. Der Trend geht auch im Bau von allgemein verbindlich Regelungen zu betrieblichen Vereinbarungen. Hinzu kommt ein Profilwettbewerb zwischen den großen Gewerkschaften. Wer ist der Bissigste im ganzen Land?

Aber das alles hilft nur, die Gründe für den Streik zu verstehen. Sinnvoller wird er dadurch nicht. Es ist zu hoffen, dass er kurz bleibt und dass die Tarifparteien möglichst schnell an den Verhandlungstisch zurückkehren. Die Meinungsverschiedenheiten in der Sache sind gering - vor allem vor dem Hintergrund der nachhaltigen strukturellen Veränderungen, um die der Bau nicht herumkommt.

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