Stornierung : Schweinegrippe-Impfung: Teurer Piekser

Die Länder verhandeln mit Pharmakonzern über Stornierung von Impfstoffbestellung gegen Schweinegrippe.

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Berlin - Es ging um eine Fehleinschätzung an diesem Nachmittag, um die Kulanz oder Nichtkulanz eines Pharmariesen und um richtig viel Geld. Genauer gesagt: um gut 200 Millionen Euro. So viel kostet der Schweinegrippe-Impfstoff, den die Bundesländer zu viel bestellt und nun gerne wieder storniert haben möchten. Weil es, wie man inzwischen weiß, für den Schutz vor der Schweinegrippe, keine zwei Impfungen, sondern lediglich eines Pieksers bedarf. Weil sich das Virus längst wieder auf dem Rückzug befindet. Und weil sich, angesichts des bisher eher harmlosen Krankheitsverlaufs, auch viel weniger Bürger impfen ließen als ursprünglich angenommen.

Die Länder hätten von den Vertretern des Impstofflieferanten GlaxoSmithKline (GSK) „Signale der Kulanz“ erhalten, wonach das Unternehmen auf die Lieferung eines „größeren Teils“ des nicht benötigten Impfstoffs verzichten wolle, teilte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Mechthild Ross-Luttmann, am Donnerstag nach den Verhandlungen in Berlin mit. Die niedersächsische Ministerin sprach ebenso wie das Bundesgesundheitsministerium von einem guten Kompromiss. Details nannten die Verhandlungsparteien nicht. Die Lösung stehe noch unter Vorbehalt, da zunächst die zuständigen Gremien und die Minister zustimmen müssten.

Geordert hatten die Länder im Herbst 50 Millionen Impfdosen – für 416,5 Millionen Euro. 20 Millionen wurden bereits geliefert, 30 Millionen sollen im Frühjahr kommen. Das hätte, nach damaliger Annahme, für 30 Prozent der Bevölkerung gereicht. Als dann Anfang Dezember das Robert-Koch-Institut kundtat, dass man sich mit dem Serum Pandemrix nicht zwei-, sondern nur einmal immunisieren lassen müsse, reichte es plötzlich für 60 Prozent. Selbst wenn im Februar oder März noch eine zweite Grippewelle käme wie vom Robert-Koch-Institut (RKI) bereits an die Wand gemalt, ist sich Ross-Luttmann sicher: „So viele würden sich niemals impfen lassen.“ Bislang waren es gerade mal sechs bis zehn Prozent.

Da die Länder auf den Kosten sitzenzubleiben drohen, erinnern sie an einen Mitschuldigen. Der Bund, so betonte Ross- Luttmann in der „taz“, habe auf Impfstoff für bis zu 80 Prozent gedrängt. „Hätten wir dem Drängen nachgegeben, hätten wir heute Impfstoff für mehr Einwohner, als Deutschland hat.“

Was sie damit sagen will: Der Bund soll für die Fehleinschätzung gefälligst mit geradestehen. Zudem hoffen die Länder, das Bestellte nicht komplett abnehmen zu müssen. Das Problem ist, dass es in dem geheim gehaltenen Vertrag offenbar keine Klausel gibt, die dies für den Fall geringerer Impfnachfrage oder einer veränderten Impfempfehlung vorsieht. So erwägt man nun auch den Verkauf an andere Länder. Angeblich gab es bereits Anfragen aus dem Iran, der Ukraine, der Türkei und dem Kosovo.

Das RKI indessen propagiert die Impfung weiter – und warnt vor einer zweiten Grippewelle. Der Impfstoff sei „nach wie vor notwendig, das Virus ist ja auch noch unter uns“, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker der ARD. Laut RKI sind in Deutschland bisher 200 000 Menschen daran erkrankt und 159 gestorben. Bei der normalen Influenza seien die Todesraten jedoch „sehr viel höher“, räumte RKI-Sprecher Günther Dettweiler gegenüber dem Tagesspiegel ein. Sie liegt, Hochrechnungen zufolge, bei 8000 bis 11 000 Fällen.

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