Politik : Stoßdämpfer für die Politik

Nato-Oberbefehlshaber General Ralston lobt die Bundeswehr – trotz Spannungen zwischen Berlin und Washington

Christoph von Marschall

Von Vorkriegsstimmung ist im US-Hauptquartier Europa wenig zu spüren. Aber irgendwo ist man in diesem riesigen Kommandobereich in Stuttgart ja auch jeden Tag an der Grenze zum Krieg. Zu den laufenden Operationen zählen die Überwachung der nördlichen Flugverbotszone im Irak und die Kontrolle der Seewege im Rahmen des Anti-Terror-Kampfs „Enduring Freedom“, dazu die Missionen in Bosnien, Kosovo, Mazedonien, Georgien. „Unsere Flieger werden täglich beschossen“, sagt ein hoher Militär, der selbst Einsätze über Irak geflogen ist. Der Bereich von Eucom, des Europa-Kommandos, reicht von der Arktis bis hinab zum Kap der guten Hoffnung, umfasst Russland, Teile des Mittleren Osten und ganz Afrika. Eben erst haben Spezialkräfte US-Bürger und andere westliche Zivilisten in einer Luftoperation von der Elfenbeinküste gerettet.

Die hohen Militärs sind voll des Lobes für ihre deutschen Kameraden. „Die Jungs von euren KSK-Spezialtruppen würde ich mit Handkuss in mein Team nehmen. Bei den Operationen in Afghanistan gegen Al Qaida haben die hervorragende Arbeit geleistet“, sagt einer. General Joseph Ralston, Nato-Oberbefehlshaber und Oberkommandierender der US-Streitkräfte in einer Person, vergleicht die deutsch-amerikanischen Beziehungen mit der Fahrt über eine Holperstrecke. „Es gibt immer wieder Schlaglöcher auf der politischen Seite, und dann möchte ich, dass das Militär als Stoßdämpfer dient.“

Formal gehört der Irak nicht zu den 93 Staaten, für die Eucom zuständig ist. Im Falle eines Krieges fiele dem US-Hauptquartier in Stuttgart eine Unterstützungsrolle zu: Krankenversorgung für Verletzte, Logistik, Nachschub - selbst Gewehrpatronen, falls die den Kameraden ausgehen sollten, witzelt einer der Offiziere. In den Gesprächen übt niemand offen Kritik daran, dass die Regierung Schröder sich in keinem Fall an Operationen gegen den Irak beteiligen möchte. Das sei eine souveräne Entscheidung.

Das ist auch die Formel, sobald die Sprache auf die wachsende Technologie-Lücke und den stagnierenden deutschen Verteidigungs-Etat kommt, der weit von den in der Nato vereinbarten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts entfernt ist. Dieses Unbehagen wird jedoch offen artikuliert. „Deutschland ist ein Kraftwerk mit einer großen Bevölkerung und einem riesigen Bruttoinlandsprodukt“, sagt Ralston. „Die Soldaten sind absolute Profis, aber was nützt das, wenn man sie nicht dorthin bringen kann, wo sie gebraucht werden?“ Deutschland hat keine Flugzeugträger, keine Präzisionswaffen – und beim A 400 M, dem neuen Transportflugzeug, blockiert Berlin mit seinen Haushaltsproblemen ganz Europa, klagt einer der hohen Militärs. „Wenn man den Verteidigungs-Etat nur ein bisschen senkt, dann geht der Anteil für Beschaffung dramatisch runter. Das passiert zur Zeit in Deutschland“, sagt Ralston.

Und die UN? Man verlässt Stuttgart mit dem Gefühl, dass ein Irak-Krieg auch ohne volles Mandat geführt werden könnte. Die Nato hat es im Kosovo getan und nie beschlossen, dass sich das nicht wiederholen darf, hat ein Gesprächspartner kurz und trocken angemerkt.

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