Politik : Strafe ist noch keine Antwort

DER FALL FRIEDMAN

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Von Giovanni di Lorenzo

Wer Friedman noch nie mochte, wird auch nach der großen Entschuldigung kein besseres Bild von ihm haben. Dazu wirkte seine erste öffentliche Erklärung nach Bekanntwerden der DrogenVorwürfe zu genau berechnet. Vier Wochen hatte er beredt zu vielen Fragen geschwiegen, die gerade jene, die Friedman mögen, gerne von ihm beantwortet gehabt hätten. Das war in Hinblick auf das Strafverfahren verständlich, nährte aber den Eindruck, dass nur das von ihm als Fehler benannt werden sollte, was sich juristisch unter keinen Umständen mehr leugnen lassen würde. Nun hat er sich also entschuldigt und sich und anderen eine peinvolle Debatte darüber erspart, für welche öffentliche Ämter ein vorbestrafter Repräsentant noch tragbar sei. Aber Fragen hat er wieder nicht zugelassen. Dafür zerrte er etwas besonders Intimes, die Beziehung zu seiner Freundin, in die Pressekonferenz, als er sich bei ihr „persönlich öffentlich entschuldigen“ mochte, was ein beziehungsreicher Widerspruch der Person Friedman ist, vielleicht aber auch der Welt, in der sein Fall behandelt wurde.

Andererseits möchte man den sehen, der in einer solchen persönlichen Katastrophe nicht Fehler und Angriffspunkte sammelte. Allein die Brandmarkung als Kokain-User und als Freier ist ein Alptraum, gegen die ein Strafgeld von 17400 Euro wie eine Bagatelle wirkt. Was jetzt noch verhandelt werden kann, ist die Bitte von Michel Friedman, man möge ihm eine zweite Chance geben. Aber neben Friedman wurden zuletzt noch andere beschuldigt, und die warten nun auf ein Urteil.

Anschuldigung Nummer eins: Friedman ist durch Medien und Öffentlichkeit besonders unfair dargestellt worden. Eher ist das Gegenteil der Fall. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie bei dem Stoff und den unappetitlichen Details, die auf dem Markt waren, mit anderen Prominenten verfahren worden wäre. Selbst die „Bild“-Zeitung, die Friedman in der ersten Zeit durchaus vorgeführt hatte, wechselte – wie nach einem Schlag mit dem Zauberstab – den Kurs und berichtete voller Verständnis. Viele wünschen sich, dass die Medien diese Art der Skandalisierung überhaupt bleiben lassen sollten. Leider ist das aber so sinnlos wie die Klage darüber, dass Wasser nass ist.

Vorwurf Nummer zwei: Friedman ist vor allem deshalb an den Pranger gestellt worden, weil er ein unbequemer Vertreter der Juden in Deutschland ist. Sichtbar war aber auch hier überwiegend das Bemühen um Schadensbegrenzung. An ein und demselben Tag warnten etwa die Bundesjustizministerin und der bayerische Ministerpräsident vor einer Vorverurteilung Friedmans. Das geschieht gewiss aus Rücksicht auf seine Stellung als Jude, und diese Vorsicht ist in diesem Land angemessen. Aber deswegen ist es auch gut, dass Paul Spiegel sich gegen den Unsinn aus den eigenen Reihen verwahrt hat, das Verfahren stelle eine antisemitische Attacke dar.

Verdacht Nummer drei: Polizei und Justiz haben fahrlässig, voreilig oder (politisch) voreingenommen gehandelt. Dagegen sind die Berliner Behörden besonders in Schutz zu nehmen. Der Strafbefehl gegen Friedman und die Erklärung des Verurteilten selbst sind der Beweis.

Michel Friedman hat also seine Strafe erhalten und seine Schuld eingestanden. Damit steht seiner Rehabilitation nichts im Wege, wie bei jedem anderen Bürger auch. Seine öffentliche wird vermutlich damit beginnen, dass er zumindest eine seiner Sendungen behält. Aber es gibt eine Ebene, die viel schwerer zu erreichen ist auf dem Weg zurück an die Spitze der Gesellschaft. Sie entzieht sich taktischem und juristischem Kalkül. Es ist die Ebene von Glaubwürdigkeit und Integrität, die, weil sie eine moralische ist, schnell auch schief und rutschig wird.

Trotzdem gibt es eine große Zahl von Menschen, die die Vorwürfe gegen Friedman keinesfalls als so harmlos ansehen, wie es ein Teil der veröffentlichen Meinung nahe legt. Zum Beispiel beschäftigt sie die Frage, ob es einem Menschen wie Friedman, der sich nach eigenem Bekunden seit 30 Jahren für Minderheiten einsetzt, wirklich gleichgültig sein kann, wenn Prostituierte über Menschenhändler-Ringe an die Kunden verkauft werden. Die zweite Chance wird er bekommen. Aber sie führt über Antworten, die er noch nicht gegeben hat.

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