Politik : Straßenanzug statt Smoking

ROBERT VON RIMSCHA

WASHINGTON .Es durfte alles werden, nur nicht kitschig.Tragisch-Getragenes war gefragt.Also Wagner.So erhielten zwei Chanteusen, die zwar erhebend singen, aber dennoch der leichten Muse zuzuordnen sind, eine Ausladung.Leider müsse man die zuvor ergangene Einladung widerrufen, wurde Celine Dion ("My Heart Must Go On" aus "Titanic") und Barbra Streisand unter dem Briefkopf des Weißen Hauses mitgeteilt.Stattdessen traten die Gipfel-Planer an Diva Jessye Norman heran.Ob sie nicht vielleicht die Chefs der 19er-Allianz im Weißen Haus unterhalten könne? Die Norman kam und sang.Bravo! Die hatte schließlich ihr Debüt als Sopranistin 1969 in der Deutschen Oper in Berlin gegeben, in der Rolle der Elisabeth im "Tannhäuser".So vertont man "NATO im Krieg"!

Die Staatsgäste waren begeistert, mußten aber mit Chardonnay anstoßen, weil die Machtzentrale der westlichen Welt die Devise ausgegeben hatte: "Bloß keinen Champagner!" Dazu trugen die Herren Clinton, Blair, Schröder und Chirac ihren Straßenanzug.Den Smoking, so war den Staats- und Regierungschefs gefaxt worden, mögen sie doch bitte zu Hause lassen.Die NATO im Krieg feiert sich selbst nur dezent.

Während der Kanzler mit den Präsidenten und Premiers noch bei Clintons im Weißen Haus diniert und Jessye Norman lauscht, sitzt Rudolf Scharping in der Bar des Watergate Hotel, unten im Keller, vier Stockwerke unter dem Appartement, das vergangenes Jahr "Monica Lewinsky" als Türschild trug.Heute geht es nicht um Possen, heute geht es um Krieg.Umgeben von zigarrenrauchenden Bundeswehroffizieren erzählt der Verteidigungsminister, wie er den Kosovo-Einsatz sieht.

Vom Mangel an Bereitschaft in der westlichen Öffentlichkeit, das Grauen in der serbischen Provinz in all seiner Brutalität zu sehen, berichtet der Minister.Er spricht von Soldaten der Soldateska, die mit abgeschnittenen Kinderköpfen Fußball spielen, und von Einheiten, die einer ermordeten Schwangeren den Fötus aus dem Leib schneiden und auf einen Grill legen.

Das sei das Werk des Slobodan Milosevic, sagen die Chefs und Minister der NATO-Staaten, die eigentlich 50.Geburtstag feiern wollten und nun Kompromißsuche beim Vorgehen im Kosovo-Krieg betreiben mußten.Kann ein Mann, der für solche Schlächtereien verantwortlich ist, noch Verhandlungspartner für eine diplomatische Lösung sein? "Das ist eine sehr schwierige Frage", meint Joschka Fischer."Wenn wir überhaupt sprechen wollen, dann müssen wir mit dem sprechen, der die Macht hat", sagt der Außenminister.

Da ist er, der Zwiespalt der NATO.Um die Moral zu stärken und die Öffentlichkeit auf den verschobenen, aber irgendwann unter nicht ganz gefahrlosen Bedingungen dann doch nötigen Bodeneinsatz vorzubereiten, fallen drastische Charakterisierungen.Milosevic war an diesem NATO-Wochenende in der US-Hauptstadt abwechselnd ein "Faschist" (Scharping), ein "blutiger Stalinist" (Blair), ein "kommunistischer Diktator" (Albright), der "letzte Despot im Europa des 20.Jahrhunderts" (Clinton), außerdem ein "Massenmörder", ein "Kriegsverbrecher", ein "ethnischer Vertreiber", ein "ruchloser Autokrat" und ein "Tyrann".Gleichzeitig sagt Fischer: "Es geht nicht um die bedingungslose Kapitulation Belgrads."

Die großen Worte und die Erinnerung an die zentralen Leiden dieses Jahrhunderts waren allgegenwärtig.In den je zweiminütigen Statements der NATO-Chefs bei der eingentlichen Jubiläumszeremonie tauchten sie alle auf: Der Nationalsozialismus und der Holocaust, die Berliner Luftbrücke und die Mauer, Lech Walesas Solidarnosc, die Erinnerung an den Kalten Krieg, als, wie der dänische Premier Rasmussen es ausdrückte, "die Blöcke ihre Milosevics in Schach hielten", und die Gefahr, daß jetzt wieder die "Kultur der gelben Sterne" in Europa Einzug halten könne.

Es sei "manchmal schwierig, zu erklären, warum wir uns da engagieren und da nicht", meinte Portugals Regierungschef Guterres und verwies prompt auf Ost-Timor.Auch nach dem neuen Strategie-Konzept der NATO bleibt Timor außerhalb der Bündnis-Zuständigkeit.Die Festlegung auf euro-atlantische Angelegenheiten bewertet Fischer als "wesentliche Verbesserung in Richtung der europäischen Position" und weg von anfänglichen US-Allüren, die NATO zum Instrument weltpolizeilicher Aufgaben zu machen."Wenn man die NATO zerstören will, muß man sie überfordern", sagt der Außenminister.Eben.So beschloß die Mehrheit, das Bündnis eben nicht zu überfordern.

Und der Gastgeber? Eine Kolumnistin der konservativen Zeitschrift "National Review" hat Clinton gerade vorgeworfen, eine "promiske Außenpolitik" zu führen.Doch selbst die Rechte in den USA erkennt derzeit an, daß das größte Führungsdefizit innerhalb der USA beim Kongreß liegt.Die republikanische Führung beider Kammern versteckt sich hinter dem Weißen Haus und ist vor allem daran interessiert, daß der unheilschwangere Kosovo-Feldzug als "Clintons Krieg" in Erinnerung bleibt.Man will so wenig damit zu tun haben, daß die Fraktionschefs Hastert und Lott bislang jede Abstimmung blockiert haben.Die NATO möge der Devise "Schuster, bleib bei deinem Leisten" folgen, mahnte schließlich Joschka Fischer.Parteienkalkül und Kleinmut schlugen in der Tat durch.Entsprechend war das Highlight der Zusammenkunft.Was Fischer in unklarer Anspielung den "vibrativen Höhepunkt" des Gipfels nannte, war nämlich die zweistündige Verzögerung bei der Verabschiedung der Strategie-Erklärung der NATO.Es ging um die Türkei, die Angst hatte, bei einer Stärkung des europäischen Pfeilers innerhalb der NATO außen vor zu bleiben, weil man ja nicht Mitglied der Europäischen Union ist.

So plätscherte das Ereignis dahin.Die US-Presse ergötzte sich ausführlich an "Ländern, die ein Witz sind, oder gar Luxemburg heißen" ("Washington Post"), gab den NATO-Chefs die Einsicht mit auf den Weg: "Wir gewinnen nicht, Serbien verliert nicht" ("New York Times") und jonglierte verwirrt mit EU, WEU, EMU, OSZE, KSZE, NATO, ESVI, UNO und GASP.Island sei "nicht nur ein Vulkan im Nordatlantik, sondern tatsächlich ein Land, dessen Stimme soviel Gewicht wie die der USA hat", erfuhr der verdutzte Amerikaner darüber hinaus.Nur in einem waren sich alle einig.Jessye Norman singt wirklich sehr schön.Und sehr passend.Und vor allem nicht vom Untergang eines ehrgeizigen westlichen Projektes.

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