Straßenschlachten : Unruhen nach Morden an ägyptischen Christen

Nach einem Mordanschlag auf koptische Christen im Süden Ägyptens nahe der Stadt Luxor ist es vor der Beerdigung der Opfer zu schweren Unruhen gekommen. Mehrere tausend aufgebrachte Menschen lieferten sich in dem Ort Nag Hammadi Straßenschlachten mit der Polizei und bewarfen das örtliche Krankenhaus mit Steinen.

Kairo -  In der Nacht zuvor waren am koptischen Weihnachtsabend acht Christen und ein muslimischer Polizist nach dem Gottesdienst erschossen worden. Sieben Menschen wurden verletzt. Die koptisch-orthodoxe Kirche, die zu den ältesten christlichen Glaubensgemeinschaften zählt, begeht das Weihnachtsfest am 7. Januar.

Aus einem Auto hatten drei Täter Gläubige, die aus der örtlichen Sankt-Johannes-Kirche kamen, mit Maschinenpistolen unter Feuer genommen. Das ägyptische Innenministerium vermutet, dass der Anschlag ein Racheakt ist für die Vergewaltigung eines zwölfjährigen muslimischen Mädchens durch einen christlichen Jugendlichen. Zeugen hätten den Hauptschützen erkannt, der vorher schon per Haftbefehl gesucht wurde. Der koptische Bischof Kirolos von Nag Hammadi berichtete, er und mehrere Gemeindemitglieder hätten in den letzten Tagen anonyme Drohungen per SMS erhalten mit der Ankündigung, die Muslime würden die Vergewaltigung des Mädchens an Weihnachten rächen. Er habe deshalb die Messe eine Stunde früher als üblich beendet. Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte Kirolos, er selbst sei vermutlich das eigentliche Ziel der Mörder gewesen. Der Kirchenmann erklärte, er sei am Mittwochabend gegen 23 Uhr nach der Messe zum orthodoxen Weihnachtsfest mit seinem Auto von der St.-Johannes-Kirche weggefahren. Er merkte, dass ihn ein Wagen verfolgte und kehrte um. Als er vor dem Hintereingang des Gotteshauses eintraf, schossen seine Verfolger auf eine Gruppe von Oberschülern, die vor dem Gebäude miteinander plauderten. Der Bischof erklärte, er habe die Mitternachtsmesse aus Sicherheitsgründen früher als sonst abgehalten.

Schon im November hatte ein wütender Mob im Nachbarort von Nag Hammadi fünf Tage lang christliche Geschäfte angezündet und die Polizeistation angegriffen, in der der verdächtige Vergewaltiger in Haft saß. Der jüngste Vorfall ist der bisher schlimmste in einer langen Kette von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen in Ägypten. Die Kopten sind mit einem Bevölkerungsanteil von etwa zehn Prozent die größte religiöse Minderheit im Land. Im Oktober letzten Jahres drangen zwei Kopten in die Wohnung eines Muslims ein und erschossen ihn. 2008 erschoss ein Muslim vier Kopten, darunter zwei Mönche. Hintergrund dieser Bluttat war ein Streit um Land zwischen dem Kloster Abu Fena und muslimischen Bauern.

Aus Sicherheitskreisen in Kena hieß es unterdessen, der Hauptschuldige für die Attacke vom Mittwochabend sei namentlich bekannt. Die Polizei fahnde nun mit Hochdruck nach ihm und seinen zwei Mittätern. „In Nag Hammadi sind inzwischen so viele Einsatzkräfte unterwegs, das der Ort wie eine Militärkaserne aussieht“, sagte ein Beobachter.

Angehörige der Sicherheitskräfte berichteten, die Demonstranten, die sich mehrere Stunden nach den Schüssen in Nag Hammadi versammelten, hätten zwei Krankenwagen und ein Auto zerstört. Die Polizei habe sie mit Tränengas auseinandergetrieben. M.G./dpa

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