Politik : Strategie der Eskalation

Die Türkei droht den USA, den Nachschub für den Irak zu kappen

Thomas Seibert[Istanbul]

Aus Protest gegen die von einem US-Kongressausschuss verabschiedete Armenienresolution reagiert die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan jetzt mit einer Eskalationsstrategie, um den Amerikanern den angerichteten Schaden zu verdeutlichen. Die Türkei hat bereits ihren Botschafter aus Washington abgerufen, Vertreter der Armee sagten nun einen Besuch in Washington ab. Gerade aber im Blick auf die Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan ist die Türkei ein wichtiger Verbündeter der Amerikaner.

Zu Ankaras Strategie gehört die Drohung, den US-Nachschub für den Irak zu kappen: „Über solche Dinge spricht man nicht, man tut sie“, sagte Erdogan. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die türkische Militärintervention gegen die PKK-Kurdenguerilla im Nordirak weiter. Dass die türkische EU-Bewerbung dabei Schaden nehmen könnte, schreckt Ankara nicht: Solche Konsequenzen würden in Kauf genommen, sagte Erdogan.

Die Entscheidung des Auswärtigen Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, die türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord einzustufen, hat das amerikanische Ansehen in der Türkei auf einen neuen Tiefpunkt gebracht. Nadelstichartige Sanktionen gegen den Nato-Partner USA stehen am Anfang der türkischen Eskalationsleiter. Der Chef der Marine, Admiral Metin Atac, stornierte einen für kommende Woche geplanten Besuch in den USA. Erwogen wird auch die Absage gemeinsamer Militärmanöver mit den US- Streitkräften. Erdogans Besuch bei Präsident George W. Bush im November stehe ab sofort ebenfalls infrage, berichten Zeitungen.

Sollte das Repräsentantenhaus im kommenden Monat offiziell die Armenierresolution übernehmen, will die Türkei außerdem zu ernsteren Maßnahmen greifen. Dann geht es um die Schließung der Luftwaffenbasis Incirlik, über die ein Großteil des US-Nachschubs für den Irak abgewickelt wird. Zudem sollen die militärischen Beziehungen zu Washington auf ein Mindestmaß reduziert werden. Washington ist ganz offensichtlich sehr besorgt. US-Außenministerin Condoleezza Rice rief Erdogan an, um ihr Bedauern über den Armenierbeschluss auszudrücken.

Die USA werden zudem für die in jüngster Zeit verstärkten PKK-Angriffe in der Türkei verantwortlich gemacht: Washington weigert sich seit Jahren, mit seinen Truppen im Irak gegen PKK-Stützpunkte im Norden des Landes vorzugehen. Bei ihrer geplanten Militärintervention im Nachbarland wollen die Türken weder auf die Einwände der USA noch auf die Bedenken der EU hören. Das Parlament soll kommende Woche einen Grundsatzbeschluss zur Truppenentsendung fällen; das letzte Wort über das Wie und Wann der Militäraktion liegt dann bei Erdogan. Wenn es so weit sei, werde die Armee in den Irak einmarschieren – „koste es, was es wolle“, sagte der Premier auf die Frage nach den außenpolitischen Folgen.

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