Politik : Strategie der verbrannten Erde

Wolfgang Drechsler

Niemand weiß mehr, wann die Turmuhr des Zollamtes am Hafen von Luanda aufgehört hat zu schlagen. Die Zeiger verharren auf kurz nach Elf, und es ist, als sei die Zeit in der angolanischen Hauptstadt selber stehengeblieben. Krieg, Frieden, Krieg, Frieden und wieder Krieg, dazwischen ein paar gescheiterte UN-Missionen - die Geschichte Angolas ist seit 1975 eine Wiederholung des immer Gleichen.

Oder vielleicht doch nicht? Ein paar Fernsehbilder haben am Wochenende unter vielen Angolanern die Hoffnung geweckt, dass ihr Land nach fast vier Jahrzehnten Krieg doch zum ersehnten Frieden finden könnte. Als die von 15 Kugeln durchsiebte Leiche des Rebellenführers Jonas Savimbi am Sonnabend über die Bildschirme flimmerte, brach in den Armenvierteln am Rande Luandas grenzenloser Jubel aus. Regierungstruppen hatten Savimbi und seine Leute überrascht, als sie an einem Fluss eine Ruhepause einlegten. Der Rebellenführer habe bis zuletzt um sich geschossen, hieß es. 21 seiner Leibwächter wurden mit ihm getötet.

Aber nicht alle Angolaner freuen sich über seinen Tod. In der Mittelschicht misstrauen viele der Regierungspropaganda und wollten die Nachricht deshalb zunächst auch nicht glauben. Vor allem sie sind in den vergangenen Jahren immer ärmer geworden. Während die Regierungselite Mercedes-Limousinen durch die Innenstadt chauffiert, steht das Land vor einer humanitären Katastrophe: Einem UN-Bericht zufolge sind über ein Drittel der Angolaner durch den Krieg aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben worden.

Die Beteuerungen der Regierung, die steigenden Einnahmen aus den Ölfeldern für soziale Zwecke zu verwenden, glaubt keiner mehr. Am Ende verschwanden die Zusatzeinkünfte von mehreren Hundert Millionen Dollar in den Taschen der Machthaber. Oder sie wurden in die Finanzierung des Krieges gegen die Unita gesteckt. Kein Wunder, dass viele Angolaner die immer neuen Friedensgelübde ihrer Regierung inzwischen bezweifeln.

Rafael Marques, ein Regimekritiker, ist davon überzeugt, dass Präsident dos Santos und seine Helfer gut mit dem Krieg leben können. Bezeichnend für die Verachtung der Regierung gegenüber der Bevölkerung ihre Strategie der verbrannten Erde: In einer brutalen Militäraktion wurde die Ostprovinz Moxico in den vergangenen Wochen systematisch von Tausenden Dorfbewohnern "gesäubert", die den Guerilleros hätten Unterschlupf gewähren können. Die meisten Bauern wurden dabei so ausgehungert, dass sie in die Städte oder die Notaufnahmelager der Hilfsorganisationen flohen.

Dennoch gibt es Hoffnung: Zum erstenmal seit Jahren meldet sich in Angola die Zivilgesellschaft zu Wort: Ihre Vertreter - darunter Priester, Akademiker, Journalisten und traditionelle Führer - kritisieren den Westen und die Vereinten Nationen scharf für die unkritische Unterstützung ihrer Regierung. Sie beklagen, dass weite Teile der angolanischen Gesellschaft bei der Friedenssuche völlig übergangen würden.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar