Strauss-Kahn-Rücktritt : Wer kann neuer Chef des IWF werden?

Die Regierungschefs in Berlin, Paris und Brüssel setzen auf einen Europäer als Nachfolger für Dominique Strauss-Kahn. Die Französin Lagarde gilt als aussichtsreiche Kandidatin. Beste Chancen könnte am Ende aber ein Schweizer haben.

von und Mark Schieritz
Als Top-Kandidatin Europas für die Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) gilt Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde (r). Sie leitete eine der großen internationalen Wirtschaftskanzleien und fühlt sich in der angelsächsischen Welt zu Hause. Ihr Problem ist ihr Pass: Schon wieder einen Franzosen für den IWF – damit tun sich nicht nur die Schwellenländer, sondern auch einige Staaten der EU schwer.Weitere Bilder anzeigen
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19.05.2011 11:54Als Top-Kandidatin Europas für die Nachfolge von Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) gilt...

Dominique Strauss-Kahn ist als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgetreten. Nur wer wird sein Nachfolger? Seit sich der amerikanische Finanzminister Tim Geithner am Dienstag von dem wegen Vergewaltigungsvorwürfen einsitzenden Strauss-Kahn abgewendet hat, ist diese Frage in den Hauptstädten der Welt das Top-Thema.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich für einen europäischen Kandidaten ausgesprochen. Die Schwellenländer hätten "mittelfristig" Anspruch auf den Chef-Posten bei IWF oder Weltbank. "Wir müssen auch in Rechnung stellen, dass die Amtszeit von Strauss-Kahn noch nicht abgeschlossen ist." Das könne auch ein "Argument in Richtung der Schwellenländer sein, sich vielleicht einem solchen Gedanken zu öffnen".

Für Volker Wissing (FDP), Vorsitzender des Finanzausschusses des Deutschen Bundestages, wäre ein Europäer die "Idealbesetzung". Für ihn komme auch ein deutscher Kandidat in Frage, allerdings will Wissing keine Namen nennen. Wichtiger seien die Anforderungen an die neue IWF-Führung. "Der IWF muss gegenwärtig in der Euro-Zone weitreichende Entscheidungen treffen, er muss die Auflagen für Portugal und Griechenland überwachen, mit der Historie der Euro-Stabilisierung vertraut sein und insofern muss der neue IWF-Chef auch diese europäischen Abstimmungsprozesse sehr gut kennen", sagte er dem Tagesspiegel. Jemand, der von außen käme, müsste sich erst in diese Prozesse einarbeiten "und diese Zeit haben wir nicht". Wichtig sei insgesamt eine schnelle Entscheidungsfindung. "Die Entscheidung über die Nachfolge von Strauss-Kahn muss zügig getroffen werden, denn eine Hängepartie kann sich die Euro-Zone nicht leisten", so der Vorsitzende des Finanzausschusses weiter. Er glaubt auch, dass die USA einen europäischen Kandidaten unterstützen würden. "Ich bin optimistisch, dass sich die Amerikaner den europäischen Argumenten nicht verschließen werden, schließlich haben auch sie ein großes Interesse daran, dass die Euro-Stabilisierung weiter so erfolgreich verläuft", erklärte Wissing.

Auch in der Union wird der Einsatz Merkels für einen Europäer unterstützt. Fraktionsvize Michael Meister sagt: "Die Erfahrungen des IWF im Umgang mit hochverschuldeten Ländern, ist zur Bewältigung der Schuldensituation in Europa wertvoll und eine neue IWF-Führung mit besonderer Kenntnis dieser Lage in der EU wäre hilfreich."

Sven Giegold, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament, sieht das ganz anders: "Sicher hat der Posten eine wichtige ökonomische Bedeutung. Denn der IWF entscheidet über die Bedingungen für Kredite für die schwachen Staaten im Euro-Raum. Das rechtfertigt aber nicht den historisch antiquierten Führungsanspruch von Europäern und Amerikanern", sagte Giegold dem Tagesspiegel. Als die Afrikaner oder die Lateinamerikaner am Tropf des IWF hingen, sei schließlich auch niemand auf die Idee gekommen, einen von ihnen zum IWF-Chef zu machen. Auch in diesen Ländern gebe es inzwischen genügend Spitzenökonomen.  "Wir leben jetzt in der Welt der G 20", sagt Giegold, "es ist Zeit für ein demokratisches Schwellenland."  

Interessenlage ist komplex

Dass die IWF-Nachfolge so ein Top-Thema ist, liegt vor allem daran, dass der Währungsfonds eine der mächtigsten internationalen Organisationen ist. Er kann echtes Geld verleihen, er überwacht die Wirtschaftspolitik seiner 187 Mitgliedsstaaten, er erarbeitet Expertisen für die G20-Staaten. Und so werden hinter den Kulissen Bündnisse geschmiedet und Kandidaten ins Rennen geschickt.

Die Interessenlage ist komplex: Da sind auf der einen Seite die Schwellenländer. Ihr Gewicht in der Weltwirtschaft wächst mit jedem Tag – und sie drängen nun mit Macht in den institutionellen Überbau der globalen Ökonomie, der noch von der Nachkriegsordnung geprägt ist. Die Geschichte des IWF geht wie die der Weltbank auf die Währungskonferenz von Bretton Woods 1944 zurück. Traditionell stellen die Europäer den Chef des IWF und die Amerikaner den Chef der Weltbank.

Die Europäer waren eigentlich bereit, den neuen Mächten das Feld zu überlassen. Doch weil das Haupteinsatzgebiet des Währungsfonds derzeit nicht mehr in Afrika oder Asien, sondern in Europa liegt, wollen sie den Posten mit einem der ihren besetzen. Als Top-Kandidatin gilt Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde. Sie leitete eine der großen internationalen Wirtschaftskanzleien und fühlt sich in der angelsächsischen Welt zu Hause. Sie selbst hat sich am Donnerstag für einen europäischen Kandidaten ausgesprochen. Ihr Problem ist ihr Pass: Schon wieder einen Franzosen an der Spitze des IWF – damit tun sich nicht nur die Schwellenländer, sondern auch einige Staaten der EU schwer.

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown würde das Amt wohl gerne übernehmen, doch weil er ein Gegner der Konsolidierungspolitik seines Nachfolgers David Cameron ist, kann er nicht auf Unterstützung der britischen Regierung zählen. Auch Deutschland tut sich in der Kandidatenfrage schwer. Der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber gilt als qualifiziert, hat nach seinem fluchtartigen Rückzug aus der Bundesbank allerdings in Berlin keine Verbündeten mehr. Peer Steinbrück und Thomas Mirow, der Präsident der Osteuropabank, haben als SPD-Mitglieder das falsche Parteibuch.

Schwellenländer wollen mehr Einfluss

Den Schwellenländern fehlt es nicht an geeigneten Kandidaten. Der frühere türkische Finanzminister und derzeitige Leiter der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution Kemal Dervis käme ebenso in Frage wie Trevor Manuel, langjähriger Finanzminister Südafrikas und aktuell Chef der Planungskommission des Landes. Genannt werden auch Agustin Carstens, der Gouverneur der mexikanischen Notenbank oder der brasilianische Wirtschaftswissenschaftler und frühere Zentralbankchef Arminio Fraga. Doch bislang ist nicht absehbar, dass sich die aufstrebenden Mächte auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Im Gegenteil: Die Rivalitäten sind so groß, dass ein Land wie China wohl eher einen Europäer unterstützen würde, als zum Beispiel einen Inder.

So hat die Suche nach Alternativen begonnen. Im Osten Europas, aber auch im Süden des Kontinents. Eine denkbare Variante wäre der Schweizer Notenbankchef Philipp Hildebrand. Er gilt als bestens qualifiziert und ist international vernetzt. Er hat in Oxford promoviert, in der Finanzindustrie und für das Weltwirtschaftsforum gearbeitet. Erst vor zwei Wochen leitete er zusammen mit Strauss-Kahn ein prominent besetztes Seminar über die Reform des Weltfinanzsystems in Zürich.

Hildebrand steht wie viele Schweizer Notenbanker den deutschen Stabilitätsvorstellungen sehr nahe, was ihn für die Bundesregierung zu einem geeigneten Kandidaten macht. Politisch ließen sich durch die Wahl eines Schweizers einige Klippen umschiffen: Die Schweiz ist Teil Europas, so dass die Europäer einen der ihren durchgesetzt hätten. Sie ist aber nicht Mitglied der Währungsunion, was jene Schwellenländer beruhigen könnte, die befürchten, dass mit der Wahl eines Kandidaten aus einem Euro-Staat nur noch mehr Gelder in die Staaten der europäischen Peripherie fließen würde.

Die Amerikaner, der größte Anteilseigner des IWF, würden sich einem geeigneten Kandidaten aus Europa wohl nicht in den Weg stellen. Zwar gibt es in Washington Kräfte, die einem der großen Schwellenländer gerne einen Gefallen tun wollen – in der Hoffnung, so neue Verbündete zu gewinnen oder alte bei Laune zu halten. Doch die US-Regierung ist derzeit nicht bereit, auf den Chefposten bei der Weltbank zu verzichten – und kann deshalb gegenüber den Europäern nur schlecht argumentieren, diese müssten beim IWF kürzer treten. (Mit mirs)

In Zusammenarbeit mit Zeit Online

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