Politik : Streit der Kulturen Von Peter von Becker

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Die Botschaft ist klar. Nach dem 11. September 2001 und dem jüngsten IrakKrieg hat die Frankfurter Buchmesse sich diesmal nicht nur ein einzelnes Land, vielmehr eine Region zweier Kontinente zum literarischen Ehrengast erwählt. Mit der „Arabischen Welt“ als Hauptdarsteller soll nun über alle politischen, religiösen und ideologischen Fronten hinweg ein Zeichen der Verständigung gesetzt werden. Dialog der Kulturen statt Kampf der Kulturen, so lautet in Frankfurt, am größten Buchmesseplatz der Welt, die Devise. Viel Wohlmeinendes mischt sich da wie bei anderen hehren Konferenzen, Symposien und „interkulturellen“ Festivals: mit Illusionen und Heuchelei.

Diese Buchmesse spielt mit ihrer „Arabischen Welt“ ein ebenso mutiges wie riskantes Spiel. Denn ihr Partner, die in Kairo situierte Arabische Liga, repräsentiert von Marokko bis Kuwait kein einziges Land, das demokratische Verhältnisse und wirkliche Meinungsfreiheit kennt. Das war schon vor dem Aufstieg der Fundamentalisten und dem Ausbruch des Terrors nicht anders. Publizisten und Schriftsteller werden zwischen Algier und Beirut immer wieder ermordet, verhaftet, vertrieben oder nur unter wechselnden Formen der Zensur geduldet. Deswegen sehen prominente arabische Exil-Autoren wie Tahar Ben Jelloun oder Rafik Schami, der darüber in dieser Tagesspiegel-Ausgabe schreibt, dem Frankfurter Spektakel mit seinen ominösen Abgesandten und mutigen Einzelgängern voll neugieriger Skepsis entgegen.

Man muss sich das vorstellen: Der greise ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus, dessen Grußwort gestern Nachmittag zur offiziellen Eröffnung der Messe verlesen wurde, hat nach einem Attentat seit fast zehn Jahren sein Haus nicht mehr verlassen; der Pariser Verlag Gallimard, literarisches Flaggschiff des europäischen Landes mit den engsten Verbindungen zur arabischen Welt, vergibt keine einzige Lizenz an arabische Verlage – weil diese unter politischem und wirtschaftlichem Druck keine Vertragstreue garantieren können. Und selbst im einst liberalen Libanon dürfen Autoren das Wort „kreativ“ nicht mehr verwenden, weil die Mullahs das Schöpferische nur dem Allerhöchsten zugestehen.

Ist davon in Frankfurt in den nächsten Tagen die Rede? Gewiss in vielen Einzelgesprächen, die auch ein Sinn solch großer Treffen sind. Gerade die mutigen, zu Hause gefährdeten Autoren, Publizisten und Verleger brauchen diese Kontakte. Zugleich wird der vermeintlich so aufgeklärte, menschenrechtsbewusste Westen immer wieder vor imperialem Hochmut gewarnt. In dieses Horn hat gestern bei seiner Messe-Eröffnungsrede auch der Bundeskanzler geblasen. Selbstkritisch, doch ohne die bei westlichen Arabien-Verstehern oft peinliche Selbstanklage nach dem Motto: Der Kolonialismus, die Globalisierung (oder schlimmer: nur Israel) ist am Terror von heute schuld.

Schröder hat auch den Nahostfrieden, hat Toleranz und Menschenrechte sowie den Kampf gegen den Terrorismus als Voraussetzung für ein entspannteres Verhältnis zwischen Orient und Okzident beschworen. Die Worte „Meinungsfreiheit“ oder „Zensur“ aber kamen in des Kanzlers Rede nicht vor.

Erst wo es konkret wird, beginnen die Chancen und Risiken des kulturellen Dialogs. Kultur und im künstlerischen Kern die Literatur bereiten keine globale Kuschelecke, sie sind kein universelles Harmonium oder Placebo. Denn Kulturen – englisch civilizations – offenbaren auch das Barbarische, Antizivilisatorische einer Gesellschaft. Deshalb gibt es den Kulturkampf und den Kampf unterschiedlicher Kulturen. „Wandel durch Annäherung“ hieß eine Devise im Kalten Krieg. Aber zum Annähern muss man erst mal die zu überwindenden Distanzen kennen.

Einige islamische Kulturen empfinden die freiheitliche und manchmal bis zur Schamlosigkeit freizügige Kultur des Westens als barbarische Bedrohung. Während wir die Kulturen der Frauen- entrechtung, der politischen und religiösen Diktatur nicht mehr teilnahmslos hinnehmen. Sondern kulturell bestreiten. Darum geht es jetzt auch in Frankfurt: am Messeturm, dessen Spitze eine moderne Pyramide ziert.

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