Politik : Streit um den Solidarpakt II: Dorthin, wo die Arbeit ist

Andrea Hentschel

Die Schaffung von Arbeitsplätzen in Ostdeutschland und die Tarifangleichung an das West-Niveau - zum bevorstehenden "Tag der Arbeit" am 1. Mai bekräftigen vor allem die Gewerkschaften ihre Forderungen zum Aufbau Ost. Mehr als 18 Prozent der erwerbsfähigen Ostdeutschen sind nach wie vor ohne Job. Jedes Jahr packen deshalb Tausende ihre Koffer und ziehen in die alten Länder, wo sie sich Arbeit, mehr Einkommen und ein besseres Lebensumfeld erhoffen. Zwar bekommen Fachkräfte so eine neue Chance, zugleich stehen sie im Osten nicht mehr zur Verfügung. Wo im Osten heute Arbeitsplätze fehlen, droht nach Einschätzung des Jenaer Soziologen Michael Behr wegen der Abwanderung, der Überalterung der Belegschaften und der niedrigen Geburtenrate deshalb ein Fachkräftemangel. Umfragen zufolge klage bereits heute jedes zehnte Unternehmen im Osten über Expertenmangel.

Immerhin gingen seit der deutschen Vereinigung knapp zwei Millionen Menschen aus den neuen Ländern in den Westen, was nur zum Teil durch Zuzüge aus den alten Ländern ausgeglichen wurde. Besonders mobil zeigten sich junge Leute. Dabei war die große Abwanderungswelle schon abgeebbt: Zogen 1990 rund 395 000 und ein Jahr darauf gut 250 000 Menschen in die alten Länder, waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1997 noch 167 000. Mittlerweile gibt es aber wieder einen Anstieg: 1998 zogen 182 000 und im vergangenen Jahr 195 000 Menschen gen Westen.

Beliebt sind vor allem Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Dort werden neben Computerexperten vor allem Fachkräfte wie Maschinenbau- und Elektroingenieure und Metallfacharbeiter gesucht. Arbeitsämter in West und Ost sind deshalb Partnerschaften eingegangen und bieten Beihilfen an, um ostdeutsche Arbeitslose für einen Umzug in die alten Länder zu gewinnen.

So wurden seit dem vergangenen Jahr rund 200 Arbeitssuchende aus der sächsischen Region Bautzen, wo es rund 20 Prozent Arbeitslosigkeit gibt, ins bayerische Freising vermittelt. Die Neu-Bayern wurden nicht nur bei der Suche nach einer Wohnung oder der Schule für das Kind unterstützt. Bautzen schoss pro Arbeitnehmer bis zu 5000 Mark "für den Neuanfang" dazu, wie Mitarbeiterin Grit Arndt berichtet. Auch das Arbeitsamt Pforzheim hat bereits etliche Fachkräfte aus der Region Wittenberg/Dessau in Sachsen-Anhalt "abgeworben". Eine Massenwanderung erwarten die Experten freilich nicht.

Für Forderungen, die Menschen müssten im Osten bleiben, um das Wachstumspotenzial zu halten, hat Hilmar Schneider vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle kein Verständnis. Aus seiner Sicht fällt die Netto-Abwanderung aus dem Osten angesichts der Zuzüge auch kaum ins Gewicht. Soziologe Behr ist sogar vorsichtig optimistisch: Wer nur gering im Westen verankert sei, könnte zurückgeholt werden, "wenn die Beschäftigung und die Entlohnung einigermaßen stimmen".

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