Politik : Streit um den Standort

Jürgen Zurheide

Düsseldorf - Die Hinweise häufen sich in einem Maße, dass Detlef Wetzel nicht mehr an Zufälle glauben mag. Immer wieder kommen Kollegen zum Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen und berichten von seltsamen Vorgängen in der Automobilindustrie. Vor allem die Zulieferer der beiden US-Tochterfirmen Opel und Ford werden nach Wetzels Erkenntnissen zum Teil massiv unter Druck gesetzt, um ihre Produktionsquote in Osteuropa deutlich zu erhöhen und Arbeitsplätze in Deutschland abzubauen. „Wir wollen die Mauer des Schweigens brechen“, begründet Wetzel jetzt seinen Vorstoß, öffentlich über diese Praktiken zu reden, die nach seiner Einschätzung nicht in erster Linie ökonomisch, sondern politisch begründet sind.

„Diesen Eindruck kann man haben“, glaubt Wetzel, nachdem ihm Betriebsräte davon berichtet haben, dass bei solchen Verlagerungsdebatten nicht einmal Kostenargumente im Vordergrund gestanden haben. Wetzel weiß allerdings, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. „Wir können leider Ross und Reiter nicht nennen, weil wir sonst fahrlässig Arbeitsplätze gefährden würden“, argumentiert der IG-Metall-Chef aus dem größten Bundesland. Er habe aber das interne Papier eines Vertriebsfachmannes aus der Zulieferindustrie vorliegen, aus dem hervorgehe, was die US-Tochterfirmen beabsichtigten. „Damit lässt sich auf Dauer nicht vermeiden“, schreibt der Vertriebsexperte, „langfristig auf die Standorte in Osteuropa zu planen, wenn wir weiterhin Aufträge von unseren Kunden sichern wollen.“ Das werde zunehmend irrational, hat Wetzel beobachtet, „es wird nicht so sehr der Preis, sondern vor allem der Produktionsstandort verhandelt“. Wetzel erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass die US-Regierung zum Beispiel die Produktionsentscheidung für die Zafira-Produktion von Opel in Polen mit der Kaufentscheidung für US- Kampfflugzeuge verknüpft hat.

Der IG Metall in NRW liegen Informationen vor, wonach die US-Hersteller darauf bestehen, zwischen 30 und 40 Prozent ihrer jeweiligen Produktionskapazität künftig in Osteuropa zu installieren. „Beschäftigte an deutschen Standorten sollen dann dafür zahlen“, ärgert sich Wetzel. Der IG-Metall-Chef verweist auf das Karlsruher ISI-Institut von Fraunhofer, welches nachgewiesen habe, dass keineswegs jede Verlagerungsentscheidung nach Osteuropa wirtschaftlich sinnvoll sei.

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