Politik : Streit um die Bildung

Massen-Demo in Madrid gegen Pläne der Regierung

Ralph Schulze[Madrid]

„Zapatero ist durchgefallen“, rufen Demonstranten, die am Wochenende in der spanischen Hauptstadt Madrid gegen die Bildungsreform der sozialdemokratischen Regierung von Ministerpräsident Jose Luis Zapatero protestieren. Hunderttausende sind auf die Straße gegangen, nachdem die konservative Opposition, die katholische Kirche und ihr nahe stehende Verbände zum Sturm auf Zapateros Schulpolitik geblasen haben. „Für das Prestige der Bildung“ lautet das Hauptmotto des Marsches.

Dass Spaniens verstaubtes Schulsystem frischen Wind braucht, bestreitet niemand. Das Land der Sonne und der Siesta zählt zu den EU-Schlusslichtern in Sachen Bildung. Nur in den EU-Ländern Portugal und Malta ist die Quote der Schulabbrecher höher als in Spanien. Die Geister scheiden sich freilich an der Frage, wie man Lustlosigkeit und Schlendrian auf der Schulbank effektiv bekämpft. Und wie viel Geld der Nation eine gute Bildung wert ist. Bisher investiert Spanien weniger in Schulen und Universitäten als die meisten EU-Nachbarn. Dabei scheint in der Schlacht um die künftige Bildungsqualität jener von der katholischen Kirche zur Kardinalfrage hochgespielte Streit um den Religionsunterricht eher nebensächlich zu sein. Denn das Fach „Katholische Religion“, das von Kirchenlehrern unterrichtet wird, bleibt im Schulangebot und wird – wie früher schon – freiwillig sein.

„Jeder der will, kann daran teilnehmen“, bekräftigt das Bildungsministerium. Aber künftig ist Religion in Spanien, wo zwar 98 Prozent der Menschen katholisch sind, aber immer weniger zur Messe gehen, kein Notenfach mehr.

Stattdessen kommt als neues Pflichtfach für alle die „Bürgerkunde“, wo die Werte der Demokratie, Gerechtigkeit sowie der Gleichstellung von Mann und Frau gelehrt werden. Damit erfüllt Zapatero ein Versprechen, um auch dem immer noch weit verbreiteten Machismo und der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau in Spanien zu begegnen. Fast täglich machen im Land gewalttätige Angriffe von Männern auf ihre Lebensgefährtinnen Schlagzeilen.

Besonders umstritten ist der Plan, den Sitzenbleibern künftig das Leben dadurch zu erleichtern, dass man auch mit dreimal „mangelhaft“ noch in die höhere Klasse versetzt wird. Bisher durften sich die Schüler nur zwei „Fünfer“ erlauben. Auch in Sachen Hochschulreife werden die Zügel – entgegen des europäischen Trends – gelockert. Die von der konservativen Vorgängerregierung eingeführte Abitur-Abschlussprüfung wird abgeschafft.

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