Streit um Professorenverhaftung : Obama tappt in die Rassismusfalle

Keine Jobs, schlechte Gesundheitsvorsorge – Amerika hat genug Probleme. Doch dieser Tage bestimmt die Agenda etwas anderes: der Streit um weißen und schwarzen Rassismus.

Martin Klingst[Washington]
Obama
Barack Obama -Foto: dpa

Der erste schwarze Präsident, die erste schwarze First Lady, der erste schwarze Justizminister, so viele Schwarze im Weißen Haus und in der Regierung wie noch nie – aber die alten Probleme, die alten Sorgen, Vorbehalte und Vorurteile sind immer noch da. Auf beiden Seiten.

Anlass dafür sind ein kurioser Kriminalfall und eine ungeschickte Äußerung des Präsidenten.

Vor einigen Wochen schon wollte der berühmte schwarze Harvardprofessor Henry Gates, gerade zurückgekehrt von einer Chinareise, in sein Haus. Doch die Tür ging nicht auf, er riss und rüttelte und stieß sie auf. Nachbarn und Polizei wurden darauf aufmerksam, worauf ein weißer Ordnungsbeamter den Professor fragte, ob er befugt sei, in das Haus zu gehen und sich als Eigentümer ausweisen könne. Der Professor war empört und fand das Begehren ungehörig.

Es entstand ein heftiges Wortgefecht, an deren Ende der Harvardprofessor wegen Beleidigung eines Beamten und Erregung öffentlichen Ärgernisses in Plastikhandschellen auf die Wache abgeführt und einige Stunden lang festgehalten wurde. Für den wütenden Gates war das ein klares Indiz für weißen Rassismus. Für seine schwarzen Freunde und Weggefährten ebenso.

Auch Barack Obama ist mit Gates befreundet und wusste von dem Vorfall, der erst jetzt, Wochen später, über den Universitätscampus hinaus publik wurde. Auf einer Pressekonferenz danach gefragt, verstieg sich der Präsident leichtfertig zu der Behauptung, die Polizeiaktion sei "dumm" gewesen. Selbst wenn er den Fall in seinen Einzelheiten nicht genau kenne: Man wisse ja aus traurige Erfahrung, dass weiße Polizisten Schwarze besonders auf dem Kieker hätten.

Zu dumm nur, dass Obama sich zuvor nicht besser informiert hatte. Nein, nicht über die Statistik, sondern über den konkreten Fall. Nach dem Motto, "was in 80 Fällen stimmt, stimmt auch in 100", nahm er leider ein falsches Beispiel zur Illustration einer an und für sich richtigen Beobachtung. Die Empörung über den Präsidenten ist groß. Sie wird oft geheuchelt und politisch bewusst geschürt, aber ebenso oft ist sie ehrlich und aufrichtig gemeint.

Der weiße Polizist agierte nämlich nicht allein. Es waren mehrere Kollegen zugegen, und unter ihnen mindestens ein schwarzer. Der sagt nun aus, sein Kollege habe absolut akkurat gehandelt und sei nicht eine Sekunde lang von rassistischen Motiven gelenkt gewesen. Im Gegenteil, er habe zunächst geduldig auf die Wutattacken und Beschimpfungen des Professors reagiert, bis er gezwungen war, energisch durchzugreifen.

Nun könnte man diesem Kollegen entgegenhalten: Ein Polizist hackt dem anderen kein Auge aus, unter Uniformierten herrscht seit jeher (farben-)blinde Kameraderie. Doch der weiße Polizist hat den allerbesten Leumund: Ein schwarzer Vorgesetzter hat ihn vor vielen Jahren eigens dazu auserkoren, jungen Polizeibeamten Toleranz zu lehren und sie für bewusste wie unbewusste Vorurteile zu sensibilisieren. Seine Schüler – ob weiß oder schwarz – waren und sind von ihrem Lehrmeister begeistert.

Gleichwohl, im Prinzip hat Obama nicht Unrecht. Aber eben nur im Prinzip. Selbstverständlich lässt sich fragen, ob die Verhaftung des Professors nicht eine Überreaktion war. Aber auch Weiße werden oft für Nichtigkeiten in Handschellen auf die Wache geführt. Die Zeitungen sind voll von Berichten über kleine Verkehrssünder, beschwipste Hausfrauen oder Ladendiebe. Im Grundsatz stimmt es auch, dass Polizei und Justiz schwarze Amerikaner entschieden härter anfassen als weiße. Sie werden weitaus häufiger ins Gefängnis gesteckt und weit öfter zu langen Haftstrafen oder gar zum Tode verurteilt. Das belegen unzählige Untersuchungen.

Obama ist ausgezogen, um die Wunden des amerikanischen Rassismus zu heilen. Wegen seiner Biographie ist er wie kein Zweiter dafür geeignet und hat dies in wegweisenden Reden bereits mehrmals unter Beweis gestellt. Weißen wie Schwarzen hat er ins Gewissen geredet, nicht vorschnell Schlüsse zu ziehen, sondern genau hinzuschauen, die Fakten zu berücksichtigen und bevor man auf andere zeigt, sich erst einmal an die eigene Nase zu fassen.

Seine Entgleisung machen seine Reden und Taten nicht wertlos. Und er hat sich beim weißen Polizisten bereits entschuldigt und ihn gemeinsam mit Gates zu einem Glas Bier ins Weiße Haus eingeladen. Und trotzdem: der Versöhner und Brückenbauer ist zum ersten Mal selber in die Rassismusfalle getappt.

Quelle: ZEIT ONLINE

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