Streit um Stasi-Spitzel : IM ist nicht gleich IM

Verharmlost jemand, der die Zahl der Stasi-IMs in Zweifel zieht, die Rolle der Geheimpolizei? Dieses Vorwurfs muss sich derzeit Ilko-Sascha Kowalczuk erwehren. Der Historiker und Buchautor stellte sich am Dienstagabend einer Diskussion.

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Das ehemalige Dienstzimmer von Stasi-Chef Erich Mielke
Das ehemalige Dienstzimmer von Stasi-Chef Erich MielkeFoto: dpa

Das vor etwa einem Monat erschienene Buch "Stasi konkret" hatte beträchtliches Aufsehen erregt. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hatte darin hinterfragt, ob man Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS), die als Betriebsleiter, Kaderleiter oder Parteisekretäre qua Amt der Stasi berichteten, oder IMK, also IM, die "nur" ihre Wohnung für Spitzeldienste zur Verfügung stellten, in die IM-Statistik aufnehmen müsse. Er stellte damit eine seit zwei Jahrzehnten währende Forschung der Stasiunterlagenbehörde, bei der er selbst beschäftigt ist, zur Disposition.
Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen und Leiter dieser Behörde, hatte recht schnell erkannt, dass dies nicht nur ein behördeninterner Streit war. Die Auseinandersetzung berührte sensible Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung. So siedelte er die Debatte in der Öffentlichkeit an: Am Dienstagabend diskutierten im Collegium Hungaricum Befürworter wie Kritiker mit Kowalczuk. Das Motto der Veranstaltung "Der größte Lump..." verkürzte ein wenig das Hoffmann von Fallersleben zugeschriebene Sprichwort: "Der größte Lump im ganzen Land das ist und bleibt der Denunziant". Zumindest einen gemeinsamen Nenner fanden die Gesprächsteilnehmer an diesem Abend: IM ist nicht gleich IM, Spitzel ist nicht gleich Spitzel.

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Ganz unauffällig mit Pelzmütze und Sonnenbrille: Der Fotograf Simon Menner hat in Stasi-Archiven Fotos von Stasi-Agenten gesichtet.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: Reuters
01.08.2011 12:52Ganz unauffällig mit Pelzmütze und Sonnenbrille: Der Fotograf Simon Menner hat in Stasi-Archiven Fotos von Stasi-Agenten...

Kowalczuk verteidigte seinen Ansatz, die Logik der Stasi durchbrechen zu wollen. Denunziation dürfe nicht nur unter dem Label Stasi betrachtet werden, sondern müsse als gesellschaftliches Phänomen differenzierter analysiert werden. Da kann ihm selbst der „Doyen“ der IM-Forschung an der Behörde, Helmut Müller-Enbergs, zustimmen: Zahlen könnten allenfalls Hilfsmittel sein, um Dimensionen zu verdeutlichen. Doch dass die Behörde auf die Anforderungen des Gesetzgebers reagierte und mit Hilfe der Akten sowie handhabbarer Kriterien diese Ausmaße erforschte, verteidigte er schon. Die Bewertung nach dem Stasiunterlagengesetz könne durchaus eine andere sein als die durch die Forschung. Aber es sorge ihn, dass sich zum Beispiel Gregor Gysi, „der möglicherweise in den Akten als GMS ,Gregor’ genannt“ werde, sich vielleicht „herzlich bedanken“ würde.

Da freute sich Jens Gieseke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, der viele Jahre in der Behörde geforscht hat, dass er nicht mehr dort beschäftigt ist: „Man kann doch Forschung nicht anhalten, weil das die Behörde in ihren Arbeitsabläufen stört.“ IM sei ein Stasi-Begriff. Das gesamte Wissen darüber basiere auf "polizeibürokratischer Überlieferung". Für Forscher aber sei es äußerst problematisch, dem einen von vornherien Kredit zu geben und einem anderen nicht. Und Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU wies darauf hin, dass „die Zahl der Spitzel unterschätzt wird, wenn man nur auf die IM schaut“. Es gebe zwei entscheidende Defizite in der Forschung: Die Verantwortlichkeit der SED werde zu wenig herausgearbeitet und der Zusammenhang zwischen Stasi und anderen gesellschaftlichen Kräften zu wenig beachtet. Strategie der SED sei von Anfang an gewesen, die Stasi zum Sündenbock zu machen. Das sind im übrigen auch Aspekte, die Kowalczuk in seinem Buch stärker in den Vordergrund rückt. Bei der Diskussion erinnerte Kowalczuk daran, dass seit etwa einem Jahr an der Stasiunterlagenbehörde ein Projekt zur Denunziationsforschung läuft.

Christian Booß, Projektleiter an der Jahn-Behörde, macht aus seinem Unbehagen gegenüber dem Kowalczuk-Buch keinen Hehl. Keiner wolle starr an Zahlen festhalten. Aber dass Kowalczuk die Feststellung trifft, dass nur eine Minderheit der Inoffiziellen Mitarbeiter über Personen berichtet hätten, kann er nicht verstehen. Und Booß erneuert seine in einem Beitrag in tagesspiegel.de bereits ausgeführte These, dass der Überwachungsapparat der Stasi größer war als der in anderen Staaten. Ein Grund dafür sei auch die besondere Ost-West-Situation der DDR gewesen.

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