Politik : Streit unter Schwestern: CSU warnt CDU vor Alleingang: Wir reden bei Kanzlerkandidatur mit

Robert Birnbaum

Die CSU hat die CDU vor jeder Vorfestlegung auf die Parteivorsitzende Angela Merkel als Kanzlerkandidatin der Union gewarnt. Wer glaube, die CSU werde bei dieser Entscheidung nur eine Nebenrolle spielen, "der täuscht sich gewaltig", sagte CSU-Generalsekretär Thomas Goppel am Dienstag dem Tagesspiegel. Diese Entscheidung werde von den Schwesterparteien gemeinsam und nicht vor Frühjahr 2002 getroffen. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Kandidat verschlissen würde. Auch die CDU-Führung machte deutlich, dass ihr zurzeit an einer Personaldebatte nicht gelegen ist.

Auslöser der Kandidatendebatte war der CSU-Parteitag in München Ende letzter Woche gewesen. Merkel war dort von Stoiber mit großem Bahnhof empfangen worden und hatte als Gastrednerin starken Beifall geerntet. Unmittelbar nach Ende des Kongresses hatte Stoiber erklärt, er stehe "definitiv" nicht als Kandidat zur Verfügung.

Der Zeitpunkt und die ungewöhnliche Schärfe dieser Formulierung wird auch von führenden CDU-Politikern als Hinweis darauf gewertet, dass Stoiber der CDU-Chefin den Vortritt lässt. "Völlig überzogen" sei allerdings ein Bericht der "Frankfurter Rundschau", dass eine "interne Vorentscheidung" bereits gefallen sei, die von der CDU-Spitze noch geheim gehalten werde. In den Führungsgremien sei das Thema nicht angesprochen worden, versicherten Präsidiumsmitglieder dem Tagesspiegel. Auch gebe es keine Hinweise auf eine etwaige interne Verständigung zwischen Merkel und Stoiber.

Goppel sagte dazu, Stoiber habe schon mehrfach betont, dass er seine Lebensaufgabe im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten sehe. Der CSU-Generalsekretär machte aber deutlich, dass seine Partei bei der Nominierung des Herausforderers von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in jedem Fall mitreden will. "Diese Entscheidung wird auf gleicher Augenhöhe getroffen, es gibt keine einseitigen Zugriffsrechte", sagte er dem Tagesspiegel. Es bleibe zudem dabei, dass diese Frage nicht vor Frühjahr 2002 gemeinsam entschieden werde. "Wenn ein Kandidat zu früh benannt wird, versucht der politische Gegner ihn zu verschleißen".

CSU-Fraktionschef Alois Glück äußerte die Sorge, dass die Kandidaten-Debatte das ganze nächste Jahr hindurch anhalten werde. Die Entscheidung müsse aber "prinzipiell" bis 2002 offen gehalten werden. "Jetzt gilt es, gute Nerven zu behalten", mahnte Glück.

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, widersprach der These, dass die frühzeitige Benennung eines Kandidaten seine Chancen mindere. "Es existiert kein Beleg dafür, dass es so etwas wie einen natürlichen Verschleiß eines Kandidaten gibt", sagte er der dpa. Es komme einzig auf den Bewerber an. So hätte Schröder 1998 auch dann die Wahl gegen Helmut Kohl gewonnen, wenn er schon ein Jahr früher nominiert worden wäre.

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