Politik : Streitbare Pädagogin aus dem Osten

Sachsens neue Ministerin spaltet die große Koalition – die Bildungspolitik könnte zum Zankapfel werden

Lars Rischke[Dresden]

Still war es geworden um Eva-Maria Stange. Nach mehreren Jahren an der Spitze der Bildungsgewerkschaft GEW trat die ostdeutsche Pädagogin 2005 nicht erneut als Bundesvorsitzende an. Nun wird die SPD-Politikerin wieder auf einem wichtigen Posten tätig sein – als Wissenschaftsministerin in Sachsens großer Koalition. Die Wahl von SPD-Landeschef und Wirtschaftsminister Thomas Jurk sorgt indes nicht nur für Unbehagen beim Koalitionspartner CDU. Auch in der SPD rumort es.

In der CDU von Regierungschef Georg Milbradt empfindet man die Benennung Stanges durch den Juniorpartner SPD als eine Zumutung. Offen sagen will das vorerst aber niemand, zumal die Koalition bislang praktisch störungsfrei funktionierte. Gerade erst haben sich die Regierenden ohne viel Aufhebens auf die Eckpunkte des milliardenschweren Doppelhaushaltes 2007/2008 geeinigt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es indes, Stange sei ein echtes Problem. Von einer „Belastungsprobe für die Koalition“ nennt es der wissenschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Robert Clemen.

In der Union wird befürchtet, dass nötige Reformen der Hochschullandschaft in Sachsen liegen bleiben könnten. Nicht gut zu sprechen sind die Christdemokraten auf Stange auch, weil sie als entschiedene Gegnerin von Studiengebühren gilt, die Milbradt lieber heute als morgen in Sachsen einführen würde. Zudem sehen sie die Gefahr, dass sich die streitbare Pädagogin auch in die Schulpolitik von Kultusminister Steffen Flath (CDU) einmischen und der Union damit schaden könnte. Die Bildungspolitik könnte sich so zum Zankapfel in der Dresdner Koalition entwickeln.

Während es von der Opposition viel Beifall für die Nominierung der 49-Jährigen gab, ist die Entscheidung auch in der SPD umstritten. Um den Posten hatte es intern heftige Rangeleien gegeben. Wohl auch, weil die SPD in Milbradts Kabinett nur zwei Ministersessel – Wirtschaft und Wissenschaft – zu vergeben hat. Das für die Hochschulen zuständige Ministerium wurde frei, weil die bisherige SPD-Ministerin Barbara Ludwig künftig als Oberbürgermeisterin die Stadt Chemnitz regieren wird. Während Teile der Basis sich für die eher zurückhaltende Hochschulpolitikerin Simone Raatz stark machten, gab es in der Fraktion auch viele Sympathien für Stange. Ihre Befürworter glauben, dass sie der neuen Aufgabe und der Auseinandersetzung mit der CDU durch ihre Erfahrung und ihren Kampfgeist mehr als gewachsen ist. Ihre Kritiker monieren fehlenden Stallgeruch und ihre Nähe zur Linkspartei.

Die in Mainz geborene und in der DDR aufgewachsene Stange war mit 22 Jahren in die SED eingetreten. Ein Jahr vor dem Mauerfall verließ die studierte Lehrerin für Physik und Mathematik die Partei wieder – aus Frust darüber, nichts bewegen zu können. Mitte der achtziger Jahre verfasste Stange ihre Promotion, arbeitete anschließend als Lehrerin. Von 1993 bis 1997 war die künftige sächsische Wissenschaftsministerin Chefin der Lehrergewerkschaft in Sachsen, bevor sie als erste Ostdeutsche den Bundesvorsitz der größten europäischen Bildungs-und Lehrergewerkschaft (GEW) übernahm. In die SPD trat die Frau mit der auffälligen, üppigen Lockenfrisur erst 1998 ein. In der sächsischen Landeshauptstadt war die Pädagogin, die drei Töchter hat, zuletzt in der Lehrerbildung tätig. Aus der großen Politik hatte sie sich weitgehend zurückgezogen.

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