Politik : Streiter gegen Umverteilung

„Marktgraf“ Lambsdorff wird 80

Robert Birnbaum

Berlin - Aus dem aktiven Dienst geschieden ist er nie. Briefe als Ehrenvorsitzender schreibt er, zieht manchmal noch an Strippen und kann sicher sein, dass seine FDP ihn nicht vergisst. Otto Graf Lambsdorff, kurz der „Marktgraf“, hat etwas Seltenes geschafft: Er ist zum Markenzeichen geworden. Als vor einiger Zeit ein Grüppchen jüngerer Freidemokraten einen Mini-Aufstand in Gang setzte gegen all jene in der Partei, die sie als eher un-liberale Lobbyisten und Kleinkrämer empfinden , erhoben sie Lambsdorff zum Wappentier. Der wusste von der Ehre gar nichts, hätte aber sicher Spaß daran gehabt, schon wegen des Mini-Aufstands. Denn der Mann, der an diesem Mittwoch 80 wird, wusste stets grundsatzstarkes Auftreten auf das Effektivste mit allen Listen des Politgeschäfts zu kombinieren.

Das berühmteste ist zugleich das beste Beispiel. Am 9. September 1982 erschien in der Neuen Bonner Depesche ein 15-seitiges Papier des Bundesministers für Wirtschaft. Der Erscheinungsort war unverdächtig, die Überschrift staubtrocken: „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“. Das „Lambsdorff-Papier“ mit dem Ruf nach Kürzung bei Sozialleistungen wurde zum Totenschein der sozialliberalen Koalition, diente der FDP als Rechtfertigung zum Partnerwechsel und verhalf Helmut Kohl zur Kanzlerschaft.

Es war, im Nachhinein betrachtet, der Höhepunkt seines politischen Wirkens. In Aachen 1926 geboren, in Berlin und Brandenburg zur Schule gegangen, als junger Kerl in Hitlers Krieg ein Bein verloren und seither auf Prothese und die berühmte „Silberkrücke“ angewiesen, hatte der Jurist mit Berufserfahrung im Kreditgeschäft eine recht normale Parteikarriere hinter sich: 1951 in die FDP eingetreten, im NRW-Landesverband zehn Jahre lang Schatzmeister, von der FDP schließlich 1977 ins Kabinett Helmut Schmidt geschickt. Nach der „Wende“ blieb er an Kohls Seite für die Wirtschaft zuständig. Doch zwei Jahre später holte ihn die Vergangenheit ein. Lambsdorff war einer der drei Beteiligten, die in der Flick-Affäre um finanzielle „Landschaftspflege“ des Flick-Konzerns verurteilt wurden; eine Geldstrafe wegen Steuerhinterziehung.

Seinem Ansehen in der eigenen Partei schadete das, wenn überhaupt, nur vorübergehend. 1988 war Lambsdorff wieder obenauf und gewann die Wahl zum FDP-Chef. Dass im Umfeld der deutschen Einheit schon von Amts wegen Hans-Dietrich Genscher der weitaus prominentere Liberale war, hat ihn immer ein bisschen gewurmt. Aber Lambsdorff hat sich so etwas nie anmerken lassen. Er knüpfte einfach wieder da an, wo er 1982 schon mal angefangen hatte, und positionierte die FDP erneut als Mahner wider die Umverteilungspolitik. Überhaupt hat sich der Graf selten allzu viel darum gekümmert, was andere für richtig hielten. Da konnte es vorkommen, dass der FDP-Chef nach einer Präsidiumssitzung draußen das schiere Gegenteil von dem verkündete, was drinnen passiert war, weil ihm das da drinnen nicht passte. Derlei hat die Verehrung seiner FDP für den listenreichen Prinzipienreiter nur gesteigert.

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