Politik : Streng vertrauliche Sicherheit

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Von Sven Lemkemeyer

Kanzlermaschine im Zielradar. Diese Meldung verursachte Ende vergangener Woche einigen Wirbel. Nach seinem Besuch in Afghanistan war in der Transall, mit der Gerhard Schröder reiste, auf dem Weg nach Usbekistan die bordeigene Raketenabwehr ausgelöst worden. Allerdings nicht, weil die Maschine durch ein feindliches Zielradar erfasst worden sei, sondern durch einen Blitz, wie die Regierung sich mitzuteilen beeilte. Also nur ein spektakulärer, aber harmloser Zwischenfall? Die Bundeswehr hält sich bei Nachfragen zu dem Sicherheitssystem der als veraltet geltenden Transportmaschinen zurück – wegen Sicherheitbedenken, wie der Sprecher der Luftwaffe, Oberstleutnant Helmut Frietzsche, betont.

Klar ist so viel: Nach den Bundeswehreinsätzen auf dem Balkan, bei denen einige der Transall-Maschinen beschossen worden waren, wurden nicht nur die Bodenbleche verstärkt. Bei einigen wurde auch ein Raketenabwehrsystem nachgerüstet. Das System reagiert nach Angaben der Bundeswehr auf Lichtreflexe und kann gegnerische Stellungen und Raketen per Radar orten. Allerdings verfügten die Transall im Gegensatz zu Kampfjets nur über ein passives Abwehrsystem. Das heißt, droht Gefahr, schießt das System Täuschkörper ab, die die Raketen in die Irre führen sollen. Gleichzeitig ändert der Pilot den Kurs der Maschine.

Abgeschossen werden können zwei verschiedene Arten von Täuschkörpern: Mit Stanniolstreifen wird eine dichte Wolke erzeugt, die radargelenkte Raketen ablenken soll. Durch den Abschuss von Phosphorkugeln wird andererseits eine große Hitzequelle erzeugt, die Geschosse täuschen soll, die mit Infrarotsuchern ausgestattet sind. Mit diesen Maßnahmen versucht sich die Luftwaffe unter anderem gegen so genannte schultergestützte Raketen zu schützen, die vom Boden aus abgefeuert werden. In Afghanistan werden noch zahlreiche dieser „Stinger“-Raketen vermutet.

„Es kommt regelmäßig zu derartigen Fehlalarmen, die zum Beispiel in diesem Fall durch einen Blitz verursacht werden. Das System muss so sensibel eingestellt sein, damit im Ernstfall noch genügend Zeit bleibt, um auch schnell heranfliegende Geschosse abzulenken“, sagt Frietzsche. Bundeswehrpiloten bestätigten dem Tagespiegel, dass das System tatsächlich durch Blitze ausgelöst werden könne. Allerdings müsse es sich um ein sehr starkes Gewitter handeln. Rund 200 Transall-Flüge hat die Bundeswehr seit Beginn des Einsatzes in Afghanistan absolviert. Etwa zweimal pro Woche werden die Einheiten in Kabul mit Nachschubmaterial versorgt, werden Soldaten, Journalisten und eben auch Politiker ein- und ausgeflogen. In welcher Größenordnung sich dabei die „regelmäßigen Fehlalarme“ bewegen, wollte der Sprecher der Luftwaffe ebenso wenig beantworten wie die Frage, wie häufig das System ausgelöst werden kann, ohne dass die Transall ihren elektronischen Schutz verliert. „Die Probleme des Systems sind bekannt. Damit muss man einfach leben“, sagte Frietzsche lediglich. „Amerikaner und Briten erleben bei den Systemen ihrer Herkules-Transportmaschinen ähnliche Vorfälle.“

Die Ablenkungskörper der Transall befinden sich in Kartuschen unter der Maschine. Sie können in der Luft nicht nachgeladen werden, sondern werden am Boden neu bestückt. Am Tag des Vorfalls mit der Kanzler-Maschine hieß es, es könnten 20 Salven abgefeuert werden. Bundeswehrpiloten bezeichneten diese Zahl im Gespräch mit dem Tagesspiegel als viel zu hoch gegriffen.

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