Streumunition : "Die Bombe hat alle meine Träume zerstört"

Soradsch Ghulam Habib verlor als Zehnjähriger beide Beine. Eine kleine gelbe Dose beendete seine Kindheit. Heute kämpft er gegen den Einsatz von Streumunition - und erzählt seine Geschichte.

Robin Millard[AFP]
Habib
Soradsch Ghulam Habib arbeitet für eine Organisation afghanischer Minenopfer. -Foto: dpa

DublinHabib kann sich noch genau an die kleine gelbe Dose erinnern, die auf dem Bürgersteig in seiner afghanischen Heimatstadt lag. Sie sah lustig aus, interessant für einen neugierigen zehnjährigen Jungen, der er damals war. Habib hob die Büchse auf, versuchte sie erfolglos zu öffnen und warf sie schließlich wieder auf den Boden. Die anschließende Explosion riss ihm beide Beine weg, er überlebte nur knapp. Seine Kindheit war mit einem Schlag vorbei.

Heute ist Soradsch Ghulam Habib 17 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Seine Geschichte erzählt er auf der internationalen Konferenz, die Dublin ein weltweites Verbot von Streubomben erreichen will. Habib konnte damals nicht ahnen, dass es sich bei der gelben Dose um einen Sprengsatz aus einer Streubombe handelte, eine BLU-96 der US-Armee im Kampf gegen die Taliban. Habib wusste nur: Gelb war die Farbe der Essenspakete, die US-Flugzeuge über seiner Heimatstadt in der nordwestlichen Provinz Herat abwarfen.

Ärzte wollten Habib sterben lassen

"Ich war mit meinen Cousins für ein Picknick im Park, es war der Anfang des afghanischen Neujahrsfestes", sagt Habib mit sanfter Stimme. Auf dem Weg nach Hause passierte das Unglück. Im Krankenhaus wollten die Ärzte ihm sogar eine tödliche Spritze geben, so schlimm waren seine Verletzungen. "Sie haben zu meinem Vater gesagt: 'Es ist nicht gut für seine Zukunft, so zu sein. Lassen wir ihn sterben", berichtet Habib. Sein Vater aber wollte, dass die Ärzte um das Leben des Sohnes kämpfen.

Nach vier Monaten wurde Habib aus dem Krankenhaus entlassen, doch immer wieder musste er für neue Operationen zurückkehren. Während die körperlichen Wundmale sichtbar waren, erlitt der Teenager die emotionalen und sozialen Verletzungen oft im Stillen. "Ich wollte nach draußen gehen und mit meinem Freunden spielen, aber sie wollten nicht. Sie sagten, ich sei nun ein Rollstuhlfahrer und könne nichts mehr machen", erinnert sich Habib. "Ich hatte viele Träume, über meine Freunde, meine Familie, meine Gemeinde und mein Land. Die Bombe hat alle meine Träume und Wünsche zerstört."

Russland und USA nehmen an Konferenz nicht teil

Handicap International, eine Hilfsorganisation für Minenopfer, schätzt, dass 60 Prozent der Opfer von Streumunition Kinder sind. Auf der Konferenz in Dublin will Habib die Teilnehmer von der weltweiten Ächtung von Streumunition überzeugen. Mehr als 100 Staaten sind bei dem bis zum 30. Mai dauernden Treffen vertreten, sie beraten über ein Verbot von Herstellung, Erwerb und Lagerung von Streumunition. Die größten Streubomben-Hersteller wie Russland und die USA sind allerdings nicht dabei.

"Ich rufe alle Staaten auf, damit aufzuhören. Es ist die Verantwortung dieser Länder, das Leben von Kindern zu retten und ihnen eine großartige Zukunft zu ermöglichen", sagt Habib. "Lasst die Kinder in Frieden und ohne Streumunition leben." Wenn der junge Mann zurück nach Hause fliegt, wird er weiter für eine Organisation afghanischer Minenopfer arbeiten. "Ich versuche, die Träume von früher zurückzubringen", sagt Habib.

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