Politik : Strippenzieher der Minderheit

Hans Monath

Am Boden zerstört, nervlich zerrüttet, den Tränen nah - so sind am Freitag viele der usprünglich acht entschiedenen Kriegsgegner der Grünen aus der Bundestagssitzung gekommen, nachdem sie sich selbst tagelang gequält sowie ihre Partei und die Öffentlichkeit in Atem gehalten hatten. Nur einer schien sich wirklich wohl zu fühlen und strahlte trotz aller Müdigkeit wieder im Bewusstsein der eigenen Bedeutung: Hans-Christian Ströbele.

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Auseinandersetzungen scheinen dem 62-jährigen Berliner Rechtsanwalt Kraft zu geben - kurioserweise auch die vielen Kämpfe, die er in seiner langen politischen Karriere bereits verloren hat. Gestritten hat Ströbele, der als Bürgersohn in Berlin zu den 68-ern stieß, schon gegen die deutsche Einheit und gegen jeden fast Krieg, den der Westen in den vergangenen 30 Jahren geführt hat. Dabei ist der Abgeordnete keineswegs, wie häufig behauptet wird, ein Pazifist. Das ist ihm wichtig, denn er steht dazu, dass er einst Geld für die Aktion "Waffen für El Salvador" sammelte.

Der frühere RAF-Anwalt, der einst mit Otto Schily und Horst Mahler zusammenarbeitete, ist ein gewiefter Strippenzieher und Organisator von einflussreichen Minderheiten in seiner Partei. Eine "Ikone der Linken" nennen ihn manche gar. Doch so sehr der Mann mit dem markanten Augenbrauen und dem grauen Haar auch für seine Sache zu brennen scheint, so umsichtig und taktisch geht er oft vor. Nur wenige Grüne würde es deshalb wundern, wenn sich nach dem Vier-zu-vier-Kompromiss bei der Afghanistan-Abstimmung in der Bundestagsfraktion künftig das Gewicht der Linken stärker bemerkbar machte - und natürlich auch das von Ströbele selbst.

Lange war der leidenschaftliche Jurist auf der Bundesebene politisch abgemeldet. Bei den Grünen hielt er sich nur als lokale Größe, gestützt vom alternativen Milieu in Kreuzberg. Erst nachdem er im Dezember 1999 mit einer Zwischenfrage ("Mit oder ohne Koffer?") im Bundestag das vorläufige Karriereende Wolfgang Schäubles eigeleitet hatte und sich im Spenden-Untersuchungsausschuss als stärkster Kritiker der Union hervortat, erlebte er einen zweiten politischen Frühling. Doch während er sich vor dem Ausschuss die Kameras noch mit anderen Politikern teilen muss, drängeln sich seit der Debatte um den Afghanistan-Einsatz ganze Horden von TV-Teams um ihn.

Altersweise werden will der fröhliche Linke nicht. Er wähnt sich mit der Geschichte im Bunde, glaubt daran, dass nach dem Scheitern des Staatssozialismus einmal "etwas Neues" den Kampf um sozial gerechte Verhältnisse zu Ende führen wird. Parteiinterne Kritiker sagen, seine liebste Rolle sei die des Linienpolizisten, "der aufpasst, dass keiner abweicht".

Haben die Linken bei den Grünen nach der De-facto-Zustimmung zum Bundeswehreinsatz ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, können sie in der Partei überleben? So wurde Ströbele nach der Abstimmung gefragt. "Ich glaube, sie können besser leben als vorher", gibt er zurück. Ob Ströbele mit dieser Vorhersage Recht behält, wird nicht zuletzt der Parteitag von Rostock entscheiden. Dort könnte er zum wichtigsten Gegenspieler von Außenminister Joschka Fischer werden, der dort zumindest in der Außenpolitik einen grundlegenden Lernschritt der Partei erzwingen will. "Ich bin dafür, dass der Parteitag eine klare kriegskritische Position einnimmt", kündigt Ströbele an.

Auch wenn er in Rostock unterliegen sollte: Bei einer zentralen Entscheidung dürfte dem Anwalt seine Rolle beim Afghanistan-Poker im Bundestag schon jetzt viele Bonuspunkte eingetragen haben: bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl im traditionell linken Berliner Landesverband.

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