Studie : Deutsche sind stolz auf ihr Land

Lange wurde den Deutschen ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Nation und ihrem Land nachgesagt. Doch in einer Umfrage zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik bewertet die große Mehrheit Deutschland äußerst positiv. Die Studie räumt auch Vorurteile zwischen Ost und West aus.

Daniel Schlicht

Lange wurde den Deutschen ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Nation und ihrem Land nachgesagt. Die Nazi-Zeit wirkte hier bei Vielen, vor allem Linken, nach. Doch seit der Einheit hat sich offenbar auch das nationale Selbstbild gewandelt und Platz geschaffen für eine unverkrampfte, eher emphatische Sicht auf das vereinte Deutschland.

Das belegt eine am Freitag vorgestellte Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dazu wurden Menschen aus den alten und neuen Bundesländern befragt, mit welchen Gefühlen sie auf die Geschichte der Bundesrepublik blicken, was sie an ihrem Land schätzen und was sie vom Staat erwarten. Die Bilanz ist durchweg positiv – und räumt mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, dass Deutsche nicht auf ihr Land stolz sein können.

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Rund 90 Prozent der Deutschen bewerten die 60-jährige Geschichte der Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte. So verwundert es nicht, dass gut zwei Drittel der Befragten auch stolz auf die Bundesrepublik von heute sind. Dabei empfinden die Westdeutschen mit 69 Prozent zwar mehr Stolz als ihre Mitbürger in den neuen Bundesländern, diese stimmten der Aussage aber auch mit 57 Prozent zu. Innerhalb der Parteienlandschaft ist die Zustimmung am höchsten bei den Anhängern der Union, am schwächsten bei den Linken (39 Prozent), die sich mit  den Zuständen im Land offenbar noch immer schwer tun.

Auch die deutsche Verfassung genießt ein hohes Ansehen: Nahezu drei Viertel aller Befragten sind stolz auf das Grundgesetz. Im parteipolitischen Spektrum weichen auch hier nur die Linken mit einer 25 Prozent geringeren Zustimmung ab.

Insgesamt stellen die Bürger der Bundesrepublik ein positives Zeugnis aus: So sehen die meisten Befragten die Bundesrepublik als einen soliden und freien Staat, in dem man gerne lebt (94 Prozent) und den es lohnt zu verteidigen (89 Prozent). Mit 87 Prozent ist hier auch die Verteidigungsbereitschaft der Anhänger der Linken erstaunlich hoch. Auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, scheiden sich allerdings die Geister. Zwar empfinden 92 Prozent die Bundesrepublik als einen sozialen Staat, jedoch geben mit 73 Prozent deutlich weniger an, dass es tatsächlich sozial gerecht zugehe. In den neuen Bundesländern ist die Unzufriedenheit hierbei am größten, nur gut zwei Drittel der Befragten dort sehen die soziale Gerechtigkeit verwirklicht.

Gerade bei der Bedeutung des Sozialstaats haben neben der aktuellen Wirtschaftskrise wohl auch die Agenda 2010 und die Hartz-IV-Gesetzgebung ihre Spuren hinterlassen. Im Vergleich zur letzten Umfrage im Jahr 2005 ist besonders das Bedürfnis nach umfassender sozialer Sicherheit durch den Staat in Ost (+24 Punkte) und West (+27 Punkte) fast gleichermaßen stark angewachsen. Ebenfalls großen Zuspruch finden die Forderungen nach möglichst geringen Einkommensunterschieden (+17 Punkte) und staatlichem Ausgleich in der Sozialen Marktwirtschaft (+16 Punkte). Aber auch privatwirtschaftliche Werte haben an Bedeutung gewonnen, beispielsweise die freie Verfügung über das Eigentum (+10 Punkte).

Fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung kursieren immer noch Vorurteile, dass der Westen der Verlierer der Deutschen Einheit sei oder der Osten in erster Linie nach Gleichheit statt nach Freiheit strebe. Folgt man den Auskünften der Befragten, lässt sich beides nicht bestätigen, im Gegenteil: Die unterschiedlichen Ansichten zwischen Ost- und Westdeutschen in Bezug auf die demokratischen Werte sind äußerst gering. Gerade in den neuen Bundesländern besitzen "westliche" Werte wie Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit einen hohen Stellenwert, materielle Gleichheit spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die Deutschen in Ost- und Westdeutschland eint die gleiche Sicht auf den Grundrechtskanon: Mehr als drei Viertel der Deutschen sehen in den Grundrechten die wichtigsten Ziele des Grundgesetzes.

Dieses Stimmungsbild bestätigt auch ein Querschnitt durch die Parteilager. Die demokratischen Prinzipien sind bei Anhängern quer durch alle Parteien anerkannt. Ebenso verhält es sich bei der Marktwirtschaft, die von mehr als der Hälfte der bürgerlichen Parteianhänger geschätzt wird, bei den Linken sind es immerhin 44 Prozent. Im Lager der Linken findet sich allerdings auch die größte Unterstützung für staatliche nivellierende und regulierende Eingriffe. Nur in der SPD finden sich ähnlich viele Befürworter. Dass die Wähler der Linken umfassende staatliche Enteignungen befürworten, wäre allerdings der falsche Schluss. Mehr als 70 Prozent ihrer Anhänger sind dafür, dass man völlig frei über sein Eigentum verfügen kann. Wie es im Untersuchungsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung heißt, legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass die Linke "nicht wegen, sondern trotz ihrer politischen Forderungen" aus Protest unterstützt wird. (Zeit Online)

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