Studie: Jeder Zweite hat Parodontitis : Auf dem Zahnfleisch

Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland leidet unter Parodontitis. Und selbst Therapien, so belegt eine Studie, können die Zähne oft nicht mehr retten.

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Um die Zahngesundheit der Deutschen steht es nicht zum Besten.
Um die Zahngesundheit der Deutschen steht es nicht zum Besten.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Flapsig könnte man sagen: Die Deutschen gehen auf dem Zahnfleisch. Allerdings eignet sich der Befund nicht zum Scherzen. Die Verbreitung von Parodontitis habe hierzulande „erschreckende Ausmaße“, fasst der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub, die Malaise zusammen. Und die eingeleiteten Therapien verfehlen, wie eine aktuelle Studie seiner Krankenkasse belegt, häufig ihr Ziel. Ein Drittel der Behandelten verliert danach innerhalb von vier Jahren Zähne.

Der jüngsten Mundgesundheitsstudie zufolge leiden in Deutschland mehr als die Hälfte aller Erwachsenen mittleren Alters, also mindestens fünf Millionen Frauen und Männer, unter Zahnfleischentzündung. Bei den Senioren sind es sogar knapp zwei Drittel, was nochmal mehr als fünf Millionen entspricht. Dabei geht jeder zweite Erwachsene, wie die Autoren des Barmer-Zahnreports ermittelten, regelmäßig zur Parodontitis-Vorsorge. Einer Zahnfleischbehandlung unterziehen sich danach aber gerade mal 3,5 Prozent. Hier gebe es eine „deutliche Diskrepanz“, sagt Michael Walter, Direktor der Dresdner Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik – was umso bedenklicher sei, da der Therapieerfolg mit dem Voranschreiten der Krankheit nachlasse.

Streit um professionelle Zahnreinigung

Vor- und auch Nachsorge spielten bei Zahnfleischentzündungen eine enorme Rolle, betont Kassenchef Straub. Die Formel laute, verkürzt gesagt: Kein Zahnbelag, keine Parodontitis. Einen Anlass, die professionelle Zahnreinigung als Kassenleistung zu übernehmen, sieht er in der hohen Erkrankungsquote dennoch nicht. Das Problem sei eher, so Straub, dass Kontrollen zu wenig genutzt und Therapien nicht angegangen und durchgehalten würden.

Die gesetzlichen Versicherer bezahlen jedes halbe Jahr eine Allgemeinkontrolle, einmal pro Jahr die Entfernung von Zahnstein und alle zwei Jahre ein Parodontitis-Screening. Für professionelle Zahnreinigung gibt es, wenn überhaupt, nur Zuschüsse. Die Kassen berufen sich dabei auf eine Einschätzung ihres Medizinischen Dienstes. Trotz des Protests vieler Zahnärzte bewertet dieser Sinn und Nutzen solcher Prozeduren nämlich nur als „unklar“. Dass Zähne dadurch länger erhalten bleiben, sei ebenso wenig belegt wie die Behauptung, dass die professionelle Zahnreinigung zusätzlichen Nutzen habe oder gar unverzichtbar sei.

Patienten, die ihre Zähne regelmäßig reinigen ließen, litten bis zu 50 Prozent weniger an Parodontitis, hält Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, dagegen. Mit Blick auf Prävention und Nachsorge sei der gesetzliche Leistungskatalog „unvollständig, veraltet und entspricht längst nicht mehr dem Stand der Wissenschaft“, moniert auch der Vorstandschef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Wolfgang Eßer. Den Zahnärzten fehlten Möglichkeiten zur individuellen Aufklärung, Motivation, regelmäßige Verlaufskontrollen und strukturierte Nachsorgeprogramme.

Ein Problem sei, dass viele Patienten die zunächst schmerzlose Volkskrankheit unterschätzten, so Eßer. „Im Bewusstsein der Menschen handelt es sich fälschlicherweise um eine Bagatellerkrankung.“ Dabei gebe es klare Zusammenhänge mit Diabetes, Lungenentzündung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Frühgeburten.

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