Studie "United Dreams of Europe" : Vertrauen in Politik erreicht Tiefpunkt

Nur 13 Prozent der Europäer vertrauen den Politikern ihres Landes. Knapp die Hälfte der Bürger sieht in Europa eine Zukunftschance. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie.

Daniela Heimpel

Die Mehrheit der Europäer ist der Meinung, dass Europa nur gelingen kann, wenn sich die einzelnen Staaten gegenseitig unterstützen. Tendenziell sind junge Menschen pro-europäischer eingestellt als ältere. Zu diesen Ergebnissen kommt die Stiftung für Zukunftsfragen in ihrer Studie „United Dreams of Europe“, die sie am Mittwoch in Berlin vorstellte.

„Nur etwa jeder siebte Bürger glaubt, dass Politiker ihr Land gut auf die Zukunft vorbereiten“, sagt der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Ulrich Reinhardt. In Italien, Griechenland und Deutschland erreiche man nahezu einen Nullpunkt, in letzterem seien es fünf Prozent. 2010 vertrauten noch sieben Prozent der Deutschen ihren Politikern. Auch der gesamteuropäische Wert ist im Vergleich zum vergangenen Jahr gesunken. „Das Vertrauen in die Politik ist auf einem Tiefpunkt“, sagt Reinhardt. Diese Tendenz zeige sich in allen Altersstufen und Lebensphasen. Der Stiftung zufolge hielten viele Europäer ihre Politiker für unglaubwürdig. Weder seien sie moralische Vorbilder, noch stünden sie für Ehrlichkeit oder Verlässlichkeit. Den Mitmenschen des eigenen Landes vertrauten 33 Prozent der Europäer.

42 Prozent der Europäer sehen im zusammenwachsenden Europa eine Zukunftschance, in Deutschland sind es 37 Prozent. Den Spitzenwert erreicht Italien mit 76 Prozent. Reinhardt zufolge seien unter 25-Jährige am optimistischsten. Weiterhin denkt mit 56 Prozent die Mehrheit der Bürger, dass die Zukunft Europas nur gemeinsam gelingen kann. Solidarität unter den Ländern sei wichtig. In Deutschland ist knapp die Hälfte der Befragten dieser Meinung. Trotzdem habe die Mehrheit der Europäer erkannt, „dass die Nationalstaaten allein mit den zahlreichen künftigen Herausforderungen überlastet sind“, sagt Reinhardt, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. „In Zukunft werden europäische Interessen immer öfter auch zu nationalen Interessen“.

Gemäß der Studie besteht Europa für die meisten Europäer aus Unterschieden – getreu dem Motto „in Vielfalt geeint“. Für nur ein Viertel der Befragten gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. In Deutschland trifft dies auf jeden fünften Menschen zu. Die jüngere Generation sehe, so Reinhardt, mehr Gemeinsamkeiten als die älteren. Dennoch überwiegen auch bei ihnen die Unterschiede.

Als Europäer fühlen sich insgesamt 38 Prozent der Befragten. An der Spitze stehen die Dänen mit 72 Prozent, die Deutschen liegen mit 37 Prozent weitgehend im europäischen Durchschnitt. Reinhardt zufolge wachse das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl stetig an: Um die Jahrtausendwende sei das Eurobarometer auf wesentlich niedrigere Werte gekommen.

Rund ein Viertel der Befragten wünscht sich hingegen das „alte Europa“ mit der nationalen Währung zurück. Die höchsten Werte erzielten Griechenland, Frankreich und Deutschland. Gut die Hälfte der Griechen will, dass jedes Land selbst für sich verantwortlich ist. In Frankreich sind es 41 und in Deutschland 37 Prozent. Im Allgemeinen sehen 52 Prozent der Europäer „hoffnungsvoll in die Zukunft“, 47 Prozent bei den Deutschen. Die anderen denken,  früher sei alles besser gewesen. Am zuversichtlichsten zeigen sich die Dänen.

Die Studie zeigt auch, was den Europäern am wichtigsten ist: Frieden, Lebensqualität, Menschenrechte, Freiheit und Demokratie, gefolgt von Gleichberechtigung, Toleranz, Bildung, Sozialer Gerechtigkeit und Umwelt. Diesen wird mehr Bedeutung zugemessen als dem Euro oder der Wirtschaftsmacht Europas.

Nach Angaben der Stiftung sind die unter 24-Jährigen pro-europäischer eingestellt als die älteren Generationen. Auch bei Höhergebildeten seien die Solidarität mit anderen Nationen, die Identifikation mit Europa und die Wahrnehmung Europas als Zukunftschance fast doppelt so hoch wie bei Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss.

Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Erhebung, im Rahmen derer 15000 Bürger aus zehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie aus der Schweiz, der Türkei und Russland zu Zukunftserwartungen und ihrer Identifikation mit Europa befragt wurden. Hinzu kommen 27 Leitfrageninterviews mit Mitgliedern des Europäischen Parlaments, Zukunftsforschern und Studenten.

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