Studie : Warum zieht es türkische Studenten in ihre Heimat?

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein erheblicher Teil türkischer Studenten in Deutschland nach ihrem Studium zurück in ihre Heimat wollen. Woran liegt das?

Andrea Dernbach,Uwe Schlicht

Junge Türken, die in Deutschland ihr Studium abgeschlossen haben oder sich noch in der akademischen Ausbildung befinden, wollen zu einem relativ großen Teil in die Türkei zurückkehren. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts futureorg hervor, die gestern von der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung präsentiert wurde. Aufgrund der Befragung von 254 Studierenden und Jungakademikern zeigt sich folgendes Bild: 36 Prozent sehen ihre Zukunft in der Türkei und nicht in Deutschland. Dagegen verneinen 64 Prozent die Frage, ob sie innerhalb der nächsten fünf Jahre oder zu einem späteren Zeitpunkt Deutschland in Richtung Türkei verlassen wollen. Repräsentativen Anspruch erhebt die Studie aber auf keinen Fall. Denn insgesamt gehen die Autoren von mehr als 20 000 türkischen Studierenden in Deutschland aus. Ziel der Untersuchung sei aber auch keine rein quantitative Erhebung, sondern das Erforschen der Motive für den Abwanderungswillen der türkischen Studenten.

Männern fehlt in Deutschland das Heimatgefühl

Unter dem Drittel der Abwanderungswilligen nennen 41 Prozent ein fehlendes Heimatgefühl in Deutschland als Grund für ihre geplante Rückkehr in die Türkei. 25 Prozent geben berufliche Gründe an. Das fehlende Heimatgefühl ist charakteristisch vor allem für die männlichen Jungakademiker. Sie kommen meistens aus Familien, denen die Integration in Deutschland nicht gelungen ist, weil die Eltern die deutsche Sprache nicht beherrschen. Insbesondere der Einfluss der Mütter, ist für das Heimatgefühl nicht zu unterschätzen.

Frauen sehen in der Türkei bessere Berufschancen

Bei den weiblichen Jungakademikern und Studierenden stehen berufliche Gründe im Vordergrund, um lieber in der Türkei eine Existenz aufzubauen als in Deutschland. Erst danach wird das fehlende Heimatgefühl als Abwanderungsgrund genannt. Der Leiter der Studie, Kamuran Sezer, erklärt diese Geschlechtsunterschiede damit, dass die jungen türkischen Frauen pragmatischer an diese Fragen herangingen als die männlichen Türken, weil sie sich auf dem Arbeitsmarkt in der Türkei größere Chancen versprechen als auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Allerdings verzeichnete die Türkei im Erhebungszeitraum einen Wirtschaftsboom: Der Außenhandel wuchs innerhalb von fünf Jahren von 47 Milliarden Dollar auf 132 Milliarden Dollar im Jahr 2008.

Studie wurde noch vor der Wirtschafts- und Finanzkrise durchgeführt

Zu beachten ist aber, dass die Befragung im Jahr 2007 vorgenommen und im Frühjahr 2008 abgeschlossen worden ist. Das heißt, die Einschätzung der beruflichen Chancen im Vergleich Deutschland/Türkei war noch nicht von den Nachrichten der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise geprägt. Schließlich ist auch die Türkei von der internationalen Wirtschaftskrise nicht verschont geblieben. Dennoch gibt es einige krisenresistente Trends. Da die türkische Wirtschaft immer mehr für den europäischen und angelsächsischen Markt produziere, suchen Unternehmer auch verstärkt Mitarbeiter, die mehrsprachig sind. Ein Vorteil, den türkische Akademiker aus Deutschland mitbringen und deshalb Zweigstellen deutscher Firmen in der Türkei bei den rückkehrwilligen Türken besonders begehrt sind. Vor allem in den Boomregionen Istanbul und Izmir wollen Jungakademiker ihre Chancen wahrnehmen.

Mehrsprachigkeit ist das große Plus türkischer Akademiker aus Deutschland

Ein neuer Trend ist der Rückkehrwille unter türkischen Akademikern in Deutschland nicht. Aber er hält an. Seit Jahrzehnten äußern viele Türken, die in Deutschland ihren Arbeitsplatz gesucht hatten, immer wieder ihre Sehnsucht nach Rückkehr. Die Autoren der Studie betonen aber auch, dass in der Vergangenheit nur eine Minderheit wirklich zurückgekehrt ist. Viele junge Türken haben nach Besuchen am Bosporus die Erfahrung gemacht, dass sie nirgendwo wirklich ihre Heimat haben. In der Türkei gelten sie eher als Deutsche und in Deutschland als Türken.

Um auch diesen Erfahrungen gerecht zu werden, unterscheiden die Sozialwissenschaftler in der jetzt vorliegenden Untersuchung zwischen der Heimat als dem Ort, an dem man sich wohl fühlt, und dem Ort, an dem man zu Hause ist – also wo man wohnt. Immerhin erklären 43 Prozent der Jungakademiker unter den Türken, dass sie sich in Deutschland zu Hause fühlen, 30 Prozent geben an, dass sowohl Deutschland als auch die Türkei ihr Zuhause sei. Wer unter den jungen Türken Deutschland als Heimat empfindet, denkt kaum an eine Abwanderung. Wer zugleich Deutschland und die Türkei als Zuhause empfindet, dürfte eher in Deutschland bleiben.

Kaum valide Informationen über Anteil türkischer Studenten

Insgesamt gibt es allerdings kaum genaue Aussagen darüber, wie hoch der Migrantenanteil im deutschen Bildungssystem ist. Dabei darf der Satz, dass Bildung der Schlüssel zur Integration sei, seit Jahren in keiner integrationspolitischen Rede fehlen. Um so erstaunlicher, dass denen, die ihn aussprechen, selbst Wissen fehlt – darüber nämlich, wie stark Migranten im deutschen Bildungssystem bereits präsent sind. Der Migrationshintergrund ist inzwischen zwar ein statistisches Kriterium - ausgerechnet in Hochschulstatistiken fließt er aber noch nicht ein. Dabei wäre dies höchst aufschlussreich – und könnte das Klischee vom Migranten als Bildungsversager korrigieren. In 20 Jahren hat sich die Zahl türkischer Studierender an deutschen Universitäten mehr als verdoppelt; sie stieg 1988 bis 2008 von 10 638 auf 22 090 Eingeschriebene. Das Essener Zentrum für Türkeistudien rechnet sogar mit 36 000, weil für die offiziellen Zahlen der Pass entscheidend ist, nicht die Migrationsgeschichte. Die Kasseler Hochschulforscherin Aylâ Neusel sieht eine „stille Revolution“ und verweist auf den „enormen Bildungsaufstieg“ der „Almancilar“: In Nordrhein-Westfalen hatte schon in den 90er Jahren die Hälfte der türkischen Studierenden Eltern, die lediglich die Grundschule besucht haben. Zudem studieren sie öfter Ingenieurswissenschaften, Medizin, seltener Geisteswissenschaften. Bei rasant steigendem Frauenanteil.

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