Studie zu Anti-Islam-Demonstrationen : "Pegida hat ein Integrationsdefizit"

Wissenschaftler des Rats für Migration erforschen das Phänomen in Dresden und bieten Lösungsvorschläge an. Die Forscher sagen, dass die "Pegida"-Demonstranten Deutschland nicht mehr verstehen.

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"Pegida"-Demonstration in Dresden
"Pegida"-Demonstration in DresdenFoto: Jens Schlueter/AFP

Eigentlich müsse man den Demonstranten in Dresden Integrationskurse anbieten, erklärt Naika Foroutan, Migrationswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Denn hinter der Dresdner Bewegung stecke nicht Angst vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands. „Pegida“ beruhe vielmehr vor allem auf Desinformation und Vorurteilen. „Viele Menschen überschätzen zum Beispiel, wie viele Muslime tatsächlich hier leben“, sagt Foroutan. Die Zahl liege in den meisten Regionen deutlich und konstant unter fünf Prozent. Forscher identifizieren ein Integrationsdefizit bei den „Pegida“-Demonstranten. Sie würden die postmigrantische Gesellschaft in Deutschland nicht verstehen.

Laut Rat für Migration, in dem Foroutan Forschungsmitglied ist, sei „Pegida“ zwar ein lokales Phänomen, aber dennoch relevant, weil rund ein Drittel aus „der Mitte der deutschen Gesellschaft“ hinter den Ressentiments der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ stehen würden. Die Wissenschaftler sahen dieses Phänomen schon vor Jahren kommen und stellen nun grundsätzliche Fragen. So zum Beispiel: Wer sind „wir“?

Forscher: "Pegida" denkt völkisch

Eine Studie des Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) zeigt, dass rund 40 Prozent der schon immer hier lebenden Deutschen nur solche Menschen als deutsch bezeichnen, die akzentfrei Deutsch sprechen, deutsche Vorfahren haben und kein Kopftuch tragen.

Das sei nichts anderes als ein „völkisches Denken“, heißt es vom Rat. Problematisch betrachtet er auch eine in Deutschland herrschende „Kosten-Nutzen-Rechnung, wenn es um Migration gehe“. Im Sinne von: Die Migranten, die uns etwas bringen, sind willkommen, die anderen nicht. Dies könne man dem Rat für Migration zufolge gut mit einer „Sklavenmarktmentalität“ beschreiben, davon müsse die Politik abrücken.

Anti-„Pegida“-Demonstrationen seien notwendig, so die Wissenschaftler, doch diese würden auch einen „Riss durch die Gesellschaft“ aufzeigen. Städte wie München und Köln, in denen am Montagabend gegen „Pegida“ demonstriert wurde, hätten sich jahrzehntelang mit rechtem Gedankengut auseinandersetzt. Der Protest gegen „Mügida“ in München und „Kögida“ am Rhein sei also „nicht vom Himmel gefallen“. Diese Aufarbeitung fehle in der jüngeren Geschichte anderer Regionen, genau dort, wo wenige bis gar keine Migranten leben würden. Zum Beispiel in Dresden.

Protest gegen "Pegida" als Meilenstein in der deutschen Geschichte

In diesem Sinne äußert sich auch die katholische Gemeinde in Köln. Wer bei der „Kögida“-Demonstration mitlaufe, unterstütze extreme Ansichten, sagte der Dompropst Norbert Feldhoff. Mit dem Segen aus dem Vatikan sollten in Köln demonstrativ die Lichter des Doms ausgehen. Und auch die Innenstadt wird dunkel bleiben. Denn die Berufung auf das „Abendland“ und christliche Symbole im Kampf gegen eine angebliche Islamisierung seien zu tiefst unchristlich, sagen Kirchenvertreter.

Doch die Wissenschaftler fordern nicht nur von der Kirche Widerstand. Werner Schiffauer vom Rat für Migration nimmt die Neujahrsrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel ernst: „Wir brauchen eine konkrete Anweisung für die Menschen.“ Merkels berühmtes „Folgen Sie denen nicht!“ sei sehr konkret. Schiffauer sieht bei „fast allen“ Regierungsparteien angemessene Reaktionen auf „Pegida“. Nur die CSU mache ihm Sorgen. Mit dem Motto „wir dulden rechts von uns nichts“, könnte die Partei aus Bayern Probleme bekommen. Denn Migration ließen sich nicht steuern, außer mit Gewalt. In Deutschland hätten sich Politik und Gesellschaft aber darauf verständigt, auf Gewalt zu verzichten.

In einer Leitbild-Kommission möchte der Rat deswegen nun Formulierungen erarbeiten, mit denen Politik, Medien und Zivilgesellschaft weiter arbeiten könnten. Es gelte, einen „Zusammenhalt in einer pluralistischen Gesellschaft“ zu ermöglichen. Nach den beiden Leitideen „Nie wieder Auschwitz“ (nach 1945) und „Zusammen was zusammen gehört“ (nach 1989) ist dies für den Rat einer der größten Herausforderungen für Deutschland.
(mit epd, KNA)

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