Studie zu den Wählern der Parteien : Gewachsene Nähe von Union und SPD

Eine DIW-Studie zeigt: Union und SPD sind Mainstream-Parteien mit ähnlicher Wählerschaft. AfD und Linke ziehen Geringverdiener an. Und eine Partei versammelt sorgenfreie Demokraten.

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Wer wählt uns denn da? Die Anhänger von Kanzlerin Merkel und Kandidat Schulz sind sich sozial und ökonomisch durchaus nahe.
Wer wählt uns denn da? Die Anhänger von Kanzlerin Merkel und Kandidat Schulz sind sich sozial und ökonomisch durchaus nahe.Foto: imago/ZUMA Press

Dass die große Koalition recht harmonisch funktioniert hat (und Union und SPD im Fall des Falles nach der Bundestagswahl wieder ganz gut miteinander auskämen), hat möglicherweise nicht nur damit zu tun, dass die handelnden Personen miteinander können. Es könnte auch daran liegen, dass die Anhänger der Parteien (und auch die Mitglieder) sich sozial und wirtschaftlich weitaus näher sind, als man gemeinhin glaubt. Was natürlich Rückwirkungen hat auf die Politik der Parteien, die sich genau anschauen, wer denn bei ihnen das Kreuzchen macht. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt diese Vermutung nun: „Die Wählerschaften von Union und SPD ähneln sich immer mehr“, sagt DIW-Forscher Alexander Kritikos, Mitautor der Untersuchung, deren Daten aus den Jahren 2015 und 2016 stammen.

Und eines zeigt die Studie auch: Die Wählerschaften von Union und SPD weichen in ihrer sozialen Zusammensetzung nicht weit vom Schnitt der Gesellschaft ab. Ob Alter, Berufe, Bildung, Einkommen, Wohnort – beide Parteien bilden mit ihrer Wählerstruktur die Gesamtgesellschaft  annährend ab, während alle anderen Parteien doch jeweils „abweichende Merkmale“ haben. CDU, CSU und SPD sind vielleicht angesichts ihrer geschrumpften Wahlergebnisse nicht mehr klassische Volksparteien, aber sie sind nach wie vor Mainstreamparteien, die ihre Politik nicht an Gruppen, sondern am Gesamten ausrichten müssen, wollen sie nicht Wähler verlieren. Selbst inhaltlich sind sich die Wählerschaften recht ähnlich – wenn man das „Sorgenprofil“ als Indiz dafür heranzieht. Den Unterschied machen zwei Themenkomplexe: die innere Sicherheit (Zuwanderung und Kriminalität machen Anhängern der Union mehr Sorgen) und die Umwelt (SPD-Anhänger sind bei Klimawandel und Umweltschutz sensibler). Was den „Zusammenhalt der Gesellschaft“ betrifft, also das Soziale in seiner ganzen Breite, macht sich in beiden Anhängerschaften jeweils etwa ein Viertel große Sorgen. Zwar sehen die Anhänger der Union soziale Gerechtigkeit eher verwirklicht als die SPD-Getreuen (mit einem Wert von 5,42 auf einer Zehnerskala gegenüber 4,84), aber damit sind sich die Großkoalitionären recht nahe im Vergleich zu Anhängern der Linken (3,83) oder gar der AfD (3,32).

Union: Rentneranteil wächst nicht

Konservative Parteien leben davon, dass viele Wähler mit sich und der Welt zufrieden sind und wollen, dass es so bleibt. Entsprechend haben CDU und CSU einen sehr hohen Anteil an Wählern, denen es nach eigener Aussage gut geht (nur bei der FDP ist er höher, bei den Grünen ähnlich hoch). Die aktuell hohen Umfragewerte der Union erklären sich vor allem daraus – und aus dem Kanzlerinnenbonus für Angela Merkel. Was auffällt, ist der im Gegensatz zu allen anderen Parteien konstante Anteil von Rentnern und Pensionären – 2016 wie 2000 jeweils ein Drittel der Anhänger. Die DIW-Forscher führen das darauf zurück, dass die Union bei den Erwerbstätigen zugelegt hat, weil mehr Frauen in Jobs sind als früher – die CDU-Wählerin ist also heute, statistisch betrachtet, weniger Hausfrau, sondern eher Teilzeitbeschäftigte.

SPD: Immer mehr Alte

Dass die SPD keine Arbeiterpartei mehr ist, wen wundert’s? Der Anteil an Männern und Frauen in Arbeiterberufen sinkt seit Jahrzehnten, die Sozialdemokraten haben sich schon mit dem Godesberger Programm und danach unter Willy Brandts Führung breiter aufgestellt. Allerdings konnten sie unter Angestellten und Beamten, unter denen sie damals stark hinzugewannen, ihre Position nicht halten. Die Grünen nahmen ihnen hier Stimmen weg, und dann gingen ihnen auch noch viele der stark gewerkschaftsgebundenen Anhänger an die Linken verloren (SPD-Anteil 19 Prozent, Linken-Anteil 27 Prozent). Das erklärt laut Mitautor Karl Brenke jedenfalls zum Teil die niedrigeren SPD-Ergebnisse seit gut einem Jahrzehnt. Der Anteil an Rentnern und Pensionären in der SPD-Wählerschaft ist stark gestiegen, von 26 Prozent im Jahr 2000 auf nun 36 Prozent, der höchste Anteil (mit der FDP).  Die Brandt-Generation wird sozusagen durchgereicht. Wie bei allen Parteien ist das Durchschnittsalter der SPD-Wähler gestiegen – von 48 auf 52,8, womit die Sozialdemokraten mit der Union gleichgezogen haben. Deren Wähler waren aber im Jahr 2000 mit 51,7 Jahren im Schnitt deutlich älter, die CDU-Klientel altert also weniger stark, ein weiterer kleiner Wettbewerbsvorteil der Konservativen, die in den mittleren Jahrgängen etwas stärker ist als die SPD.

Grüne: Frauen, Akademiker, gut verdienend

Die Grünen-Wählerschaft setzt sich von allen anderen Parteien durch einige Merkmale ab: deutlich höherer Frauenanteil mit 60 Prozent, erheblich höherer Akademikeranteil, viele Anhänger im öffentlichen Dienst, geringster Arbeiteranteil. Sie sind, zugespitzt gesagt, die Partei der Besserwissenden geblieben. Aber sie sind nicht die (mehr) Partei der Besserverdienenden, was auch daran liegt, dass ihre Haushaltseinkommenn seit 2000 am geringsten gestiegen sind. Was das Einkommen betrifft, liegen die Grünen-Wähler jetzt im Schnitt etwa auf der Höhe der Unions-Wähler und klar unter den FDP-Anhängern, die wohlhabender sind als alle anderen. Allerdings altert die Grünen-Wählerschaft am stärksten, das Durchschnittalter wuchs von 40 im Jahr 2000 auf 48 heute, der Rentner- oder eher der Pensionärsanteil wuchs von vier auf 18 Prozent. Aber damit ist die Grünen-Truppe unter den Wählern im Schnitt immer noch die jüngste.

FDP: Sorgenfreie Demokraten

Dass die FDP Wähler mit höheren Einkommen anzieht, bedeutet auch, dass sie die Partei mit dem höchsten Altersschnitt ist (gut 54 Jahre) – Ältere sind nun einmal wohlhabender als Jüngere. Arbeiter und Beamte sind unterrepräsentiert, Selbständige machen auch nur 15 Prozent aus (die AfD hat mit 14 Prozent eine ähnlich hohe Quote). Im wesentlichen sind die Freien Demokraten die Partei der höheren Angestellten, die mehr verdienen und auch länger arbeiten. Immerhin 14 Prozent der FDP-Anhänger machen sich allerdings große Sorgen wegen ihres Arbeitsplatzes, im Schnitt aller Parteien sind es nur sieben Prozent. Vielen Parteianhängern ist das aber mittlerweile gleichgültig, siehe Durchschnittsalter: Der Rentneranteil liegt neuerdings bei gut einem Drittel. Was auffällt: Die FDP-Wählerschaft hat kein Thema, bei dem sie sich wirklich größere Sorgen macht – es sind die Sorgenfreien Demokraten.

AfD: Zwei Gruppen finden sich

Die Besorgten, so das Fazit von Kritikos und Brenke, zieht es dagegen vor allem zur AfD. Sie ist ein Männerpartei (mit zwei Dritteln der Anhänger der weitaus höchste Anteil) und am stärksten dörflich-kleinstädtisch geprägt, hier leicht vor der Union. Sie hat mit 34 Prozent den klar größten Arbeiter- und mit 18 Prozent den geringsten Akademikeranteil. Gewerkschaftsmitglieder sind stärker vertreten als bei Union, SPD und Grünen, Menschen aus dem öffentlichen Dienst dagegen sind unterrepräsentiert. Die Hälfte der AfD-Anhänger arbeitet Vollzeit (der höchste Wert in allen Parteien), aber das durchschnittliche Nettoeinkommen je Arbeitsstunde ist das geringste aller Parteien. Die Einkommensspreizung ist die höchste in allen Parteien, auch wenn die AfD-Anhängerschaft bei den Gutverdienern nicht ganz so hoch ist. Vielleicht deuten die Zahlen darauf hin, dass die AfD eine gespaltene Partei ist: Ökonomisch Unzufriedene im Osten mischen sich mit ideologisch Unzufriedenen im Westen. Sie finden zusammen über gemeinsame Themen: Kriminalität, Zuwanderung, geringe Öko-Sensibilität. Viele AfD-Anhänger haben offenbar Probleme mit ihrer Altersversorgung (40 Prozent, deutlich mehr als bei den anderen Parteien). Und sie haben den höchsten Anteil (48 Prozent) derjenigen, der sich größere Sorgen um gesellschaftlichen Zusammenhalt macht.

Linke: Großstadtpartei der Geringverdiener

Bei den Linken-Wählern tun das allerdings auch 43 Prozent. Die Linke konkurriert gewissermaßen mit den Grünen (als Partei für Junge) und mit der AfD (als Protestpartei von wirtschaftlich „Abgehängten“) – ersteres eher im Westen, letzteres eher im Osten. Sowohl bei Akademikern als auch Arbeitern hat sie überdurchschnittliche Werte. Die Partei ist zudem deutlich stärker von Großstadteinwohnern geprägt als alle anderen (Berlin dürfte da die entscheidende Rolle spielen). Im Durchschnitt aller Parteien haben Linken-Wähler die niedrigsten Haushaltseinkommen, sie reichen auch nicht so weit nach oben wie die in anderen Parteien. Die Einkommensspreizung in der Anhängerschaft ist die kleinste.

Nichtwähler: Einkommen halten nicht mit

Eine Gruppe ist im Schnitt aber noch weniger betucht: die Nichtwähler. Ihr durchschnittliches Haushaltseinkommen war mit netto 2400 Euro geringer als das jeder Partei-Anhängerschaft. Das obere Viertel der Nichtwähler verdient im Schnitt deutlich weniger als die Vergleichsgruppen. Brenke und Kritikos haben festgestellt, dass Nichtwähler kaum vom Einkommenswachstum der letzten 15 Jahre profitiert haben. Wie bei Anhängern von AfD und Linken schätzt die Hälfte der Nichtwähler ihre persönliche wirtschaftliche Lage als schlecht oder „teil-teils“ ein. Und ein ähnlicher hoher Prozentsatz (in allen drei Gruppen) glaubt, keinen gerechten Anteil am allgemeinen Lebensstandard zu haben. Zwar haben demnach alle Parteien beiden Nichtwählern ein Potenzial (nicht alle Wahlabstinenzler stufen sich als wirtschaftliche Verlierer ein), aber das größere Potenzial in diese Gruppe haben wohl AfD und Linkspartei.

"Jamaika" wäre recht homogen - was Einkommen betrifft

Mit Blick auf die Bundestagswahl kann man, was künftige Bündnisse betrifft, zweierlei sagen: Die schwarz-rote Mainstream-Koalition wäre weiterhin eine harmonische Sache, weil sie ähnliche Interessen in großen Wählergruppen bedienen kann. Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün oder auch Schwarz-Grün-Gelb, also "Jamaika", hätten eines gemeinsam: Es wären Koalitionen mit noch höherer sozial-ökonomischer Homogenität ihrer Wähler – es kämen jene zusammen, deren Anhänger die geringsten wirtschaftlichen Probleme und Nöte haben. Rot-Rot-Grün dagegen (falls in Reichweite) müsste einen doch recht großen Spagat machen, um die größere Bandbreite an wirtschaftlichen Befindlichkeiten zu berücksichtigen, mit dem Potenzial größerer Konflikte. Kommt neben der Linkspartei auch die AfD in den Bundestag, wird die Konkurrenz um die Stimmen der wirtschaftlich Benachteiligten ins Parlament verlagert - es wird von den Rändern her dann mutmaßlich etwas lauter werden im Bundestag.

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