Studie zur Gesundheitskompetenz : Jeder Zweite versteht seinen Arzt nicht

Von wegen mündiger Patient: Mehr als die Hälfte der Deutschen versteht im deutschen Gesundheitssystem oft nur Bahnhof. Die Folge ist ein höheres Krankheitsrisiko.

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Zwischen Arzt und Patient klappt die Kommunikation nicht immer.
Zwischen Arzt und Patient klappt die Kommunikation nicht immer.Foto: dpa

Was nützt der fachlich kompetenteste Mediziner, wenn er nicht die Fähigkeit hat, sich seinem Patienten verständlich zu machen? Was das wirksamste Medikament, wenn der Kranke die Packungsbeilage nicht kapiert? Und was das niemals einfacher zugänglich gewesene Wissenskompendium von „Dr. Google“, wenn der dort Hilfesuchende nicht zwischen Produktwerbung und seriöser Information zu unterscheiden vermag?

54,3 Prozent der Deutschen, so ergab jetzt eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld, sind bei gesundheitsrelevanten Informationen überfordert. Sie haben Schwierigkeiten, ihren Arzt zu verstehen, Behandlungsoptionen zu beurteilen, zu entscheiden, wann eine Zweitmeinung sinnvoll wäre. Sie wissen nicht, an wen sie sich wann mit welchen Gesundheitsproblemen wenden können, wie sich Erkrankungen vermeiden lassen.

Der „mündige Patient“, so die Studienautorin und Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Doris Schaeffer. sei „sehr oft nur eine Floskel“.

Deutsche liegen bei Gesundheitskompetenz weit unter dem europäischen Schnitt

44,6 Prozent der Bürger hierzulande erwiesen sich der Studie zufolge in ihrem Verständnis für Gesundheitsinformationen als eingeschränkt und 9,7 Prozent als komplett inkompetent. Damit liegt Deutschland nicht nur weit unter dem europäischen Schnitt (47,6 Prozent), sondern teilweise eklatant unter dem vergleichbarer EU-Staaten.

In den Niederlanden beispielsweise mangelt es lediglich 28,7 Prozent der Bürger an Gesundheitskompetenz. Über ein exzellentes Verständnis verfügt dort jeder Vierte, in Deutschland sind es gerade mal 7,3 Prozent. Der Deutsche Hausärzteverband bestätigte die Ergebnisse von der Tendenz her. "Wir merken in den Hausarztpraxen, dass immer mehr Patienten verunsichert sind", sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt.

Betroffen sind vor allem Rentner und Migranten

Probleme haben der Studie zufolge bei dem Themenkomplex hierzulande erwartungsgemäß vor allem Menschen mit geringer Bildung, niedrigem Sozialstatus und Migrationshintergrund. Allerdings sind auch viele Rentner und chronisch Kranke mit besonders vielen Arztkontakten betroffen. Bei den über 65-Jährigen liegt die Quote der Überforderten bei 66,3 Prozent, bei Zugewanderten beträgt sie 70,5 Prozent.

Schaeffer nannte den Befund „besorgniserregend“. Menschen mit fehlender Gesundheitskompetenz hätten es „äußerst schwer, sich in unserem komplexen Gesundheitssystem zurechtzufinden und die zahlreichen Anforderungen der Gesundheitserhaltung im Alltag zu bewältigen“, sagte sie. Die Folge: falsches Verhalten und dadurch letztlich auch ein höheres Krankheitsrisiko.

Das lässt sich nachweisen. Betroffene seien häufiger im Krankenhaus und nähmen öfter Notdienste in Anspruch, berichtete die Professorin. Sie hätten einen schlechteren subjektiven Gesundheitszustand, litten öfter unter Gesundheitsstörungen und chronischen Krankheiten.

Gesundheitsminister fordert gemeinsame Kraftanstrengung

Alarmiert gab sich auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Wenn jeder Zweite Mühe habe, sich in der Fülle von Informationen zurechtzufinden und Entscheidungen zu treffen, müsse das „alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen aufrütteln“.

Nötig sei eine „gemeinsame Kraftanstrengung“ von Ärzten, Apothekern, Krankenkassen, Behörden, Pflege-, Verbraucher- und Selbsthilfeverbänden. Eine Expertengruppe werde bis Ende 2017 einen Nationalen Aktionsplan entwickeln. Die Initiative kommt von der Universität Bielefeld, der Hertie School of Governance in Berlin und dem AOK-Bundesverband. Gröhe selber steht ihr als Schirmherr zur Verfügung.

Es gebe ein "Recht auf Verständlichkeit", betonte der Minister. Um komplexe Sachverhalte darzustellen, müsse man nicht in Fachchinesisch verfallen. Aber womöglich gehe es manchem Mediziner mit der Verwendung von schwer verständlichem Vokabular ja auch um eine "Demonstration von Herrschaftswissen".

Man merke in den Praxen, dass immer mehr Patienten verunsichert sind.

Wissenschaftlerin: Alle in der Branche müssen sensibilisiert werden

Man müsse „neu über die Art, Aufbereitung und Vermittlung von Informationen nachdenken“, forderte Schaeffer. Zudem müssten alle in der Branche sensibilisiert und geschult, das ganze System nutzerfreundlicher gestaltet werden.

In den Kliniken etwa müsse es bei den Abläufen für die Patienten viel transparenter zugehen. Es brauche verständlichere Formulare. Und die Mediziner müssten sich mehr Zeit zum Erklären nehmen. Im Schnitt dauert ein Patientengespräch hierzulande vier bis fünf Minuten. Zum Vergleich: In Kanada ist es dreimal so viel.

Für die Studie wurden rund 2000 Bundesbürger über 15 Jahren befragt.

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