Studie zur Lage von Flüchtlingen : Demokratisch wie die Deutschen

Wer sind die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen? Eine erste Studie kommt zu dem Schluss: Die Neuankömmlinge haben mehr mit dem Ankunftsland gemeinsam als mit den Gesellschaften ihrer Heimat.

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Geschafft, erschöpft: Mutter und Kind auf einem Rettungsboot im Mittelmeer im vergangenen Oktober
Geschafft, erschöpft: Mutter und Kind auf einem Rettungsboot im Mittelmeer im vergangenen OktoberFoto: epd

Wer als Flüchtling gezielt nach Deutschland will, tut das, weil er sich hierzulande besonders geschützt fühlt - und mit den eigenen Werten und Überzeugungen am besten aufgehoben. Dass in Deutschland die Menschenrechte geachtet würde, rangierte bei einer ersten repräsentativen Befragung von insgesamt 4500 Geflüchteten an erster Stelle, mit deutlichem Abstand gefolgt vom deutschen Bildungssystem und der Erwartung, in Deutschland willkommen zu sein. Die Studie stellten am Dienstag das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und das mit der Bundesagentur für Arbeit verbundene Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg zusammen mit dem Sozio-oekonomischen Panel des Berliner Wirtschaftsforschungsinstituts DIW vor.

Das Soep befragt bereits seit 33 Jahren Jahr für Jahr die in Deutschland lebenden Menschen zu ihrer Gesundheit, zu Einkommen, Beruf und Bildung. Die Flüchtlingsbefragung bezog Menschen ein, die seit 2013 nach Deutschland kamen, und soll eine "völlig neue Datengrundlage für die Analyse der Fluchtmigration und der Integration Geflüchteter" bereitstellen.

Flucht kostet im Schnitt 5000 Euro

Einige grundlegende Fragen darüber, "warum, wie und mit welchen Mitteln" Menschen fliehen, so die Bamf-Forscherin Nina Rother, können damit bereits jetzt beantwortet werden. "Mehrheitlich" sei der Grund Krieg, gefolgt von der Angst vor Verfolgung, schlechten Lebensbedingungen, Diskriminierung und Zwangsrekrutierung. 40 Prozent der Geflohenen lebten mindestens drei Monate in einem Transitland, bevor sie nach Deutschland kamen - und das sie meist verlassen mussten, weil sie auch dort nicht sicher waren, diskriminiert oder vertrieben wurden. Im Schnitt kostete sie die Flucht pro Kopf 5000 Euro.

Was die Werte und Einstellungen angeht, so der Leiter des Soep, Jürgen Schupp, seien die nach Deutschland geflohenen Syrerinnen, Äthiopier oder Afghanen der deutschen Bevölkerung "eher ähnlich", während sie zu den Einstellungen, die in ihren Heimatländern vorherrschten, deutlichen Abstand hätten. So gab es eine hohe Zustimmung zu demokratischen Werten: 96 Prozent der Befragten, fast exakt der Prozentsatz der Deutschen, sprachen sich für die Demokratie als politisches System aus. Gleichzeitig stimmten sie aber auch demokratisch bedenklichen Aussagen zu, etwa der, dass Experten und nicht die gewählte Regierung bestimmen sollte, was das Beste für ein Land sei. Etwa 55 Prozent hielten dies in der Befragung für richtig, rund 20 Prozent wünschten sich einen "starken Führer". Damit, so das Forschungsteam, unterschieden sie sich aber nicht wesentlich von autochthonen Deutschen: Von denen wünschen sich 22 Prozent einen starken Mann an der Staatsspitze und 59 Prozent werden lieber von Experten regiert als von Politikerinnen, die sie selbst gewählt haben.

Christen, Muslime, Jesiden: Gender- sind keine Glaubensfragen

Die Flüchtlinge halten auch die Gleichheit von Männern und Frauen hoch. 86 Prozent stimmten der Aussage zu, dass "eine Arbeit zu haben, für eine Frau die beste Möglichkeit ist, unabhängig zu sein" - das finden nur 72 Prozent der Deutschen. Gleichzeitig stellten die Forscher eine hohe Motivation zur Erwerbstätigkeit fest; auch 85 Prozent der Frauen wollen arbeiten. Auf die Geschlechterfragen seien die konservativsten Angaben von Jesiden gekommen, das Wertekorsett von orthodoxen Christinnen und Christen sei dem von konservativen Muslimen ähnlich. Musliminnen und Muslime waren mit etwa 80 Prozent die größte Gruppe der Befragten. Die Einstellungen der jesidischen Minderheit sei durch den starken Verfolgungsdruck zu erklären, der das Festhalten an überkommenen Werten befördere, sagte Schupp. Er und sein Team hatten zum Vergleich den "World Value Survey" herangezogen und ihre Fragen parallel formuliert. Der WVS untersucht seit 1982 in Zehn-Jahres-Abständen die Einstellungen von Menschen in mittlerweile mehr als 60 Staaten weltweit.

"Überraschend hohe Bildungsorientierung"

Ein gemischtes Bild ergibt die Untersuchung zur Frage des Bildungshintergrunds der Flüchtlinge. Herbert Brücker, der am Nürnberger IAB die Migrationsforschung leitet, sprach von einer "Polarisierung der Schulbildung". Etwa 37 Prozent der Erwachsenen unter ihnen haben eine weiterführende Schule besucht und 32 Prozent haben sie auch abgeschlossen - was "in der Regel" der Hochschulreife entsprechen dürfte, wie es im Bericht heißt. Ein weiteres knappes Drittel hat Mittelschulen besucht, 22 Prozent mit einem Abschluss. Aber ein Zehntel hat lediglich eine Grundschule besucht - im Schnitt sechs Jahre lang - und immerhin neun Prozent gar keine Schule.

Mehr als ein Viertel aller Flüchtlinge hat die Schule ohne Abschluss verlassen. Brücker verwies als Grund auf die Lage in den Heimatregionen: In Afghanistan und Grenzgebieten Pakistans herrscht seit Jahren und Jahrzehnten Krieg, während syrische Bildungsbiografien weitgehend intakt seien, weil der Krieg dort das Land und seine Infrastruktur erst seit fünf Jahren verwüstet. Auch die Diskriminierung von Minderheiten wirke sich auf deren Bildung aus - als Beispiele nannte Brücker Kurden und Roma. So unterschiedlich die Geflüchteten seien, so homogen sei ihre Altersstruktur: Die meisten sind jung. Brücker sprach von einem großen Potenzial, zumal die Gebildeten und gut Ausgebildeten ebenso wie die am andern Ende der Bildungskarrieren eine "überraschend hohe Bildungsorientierung hätten". Und viele, nämlich drei Viertel von ihnen, brächten auch mehrjährige Berufserfahrung mit.

Daten über Familien noch nicht ausgewertet

Die Forschergruppe will die Befragungen fortsetzen. Schon die jetzige berge noch "riesige Datenschätze", so Schupp, die sie bisher noch nicht ausgewertet hätten - etwa zu den Familien der Flüchtlinge, etwa den Angehörigen, die sie nachholen möchten. Demnächst sollen auch Kinder und Jugendliche stärker berücksichtigt werden. "Die Studie ist noch im Feld", sagt Schupp. Er und seine Kolleginnen und Kollegen wollen auch herausfinden, ob die verstärkten Anstrengungen für Flüchtlinge, erleichterte Deutschkurse, mehr Zugang zum Arbeitsmarkt und auch das Engagement vieler freiwilliger Helferinnen, Früchte tragen. Erste Anzeichen, dass das alles wirke, sagt Herbert Brücker, habe man bereits entdeckt.

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