Politik : Stunde der Mutmacher

„Nicht verunsichern lassen“, heißt es bei FDP und Union – aber gegenseitige Vorwürfe dürfen schon sein

Robert Birnbaum

Berlin - Woran erkennt man, dass einem im dunklen Walde bange ist? Zum Beispiel daran, dass er halblaut vor sich hin spricht: „Nein, ich habe keine Angst!“ Nun gehört Hermann Otto Solms entschieden nicht zu den Ängstlichen in der Politik; er redet auch nicht halblaut, sondern vernehmlich in Kameras und Mikrofone hinein. Trotzdem klingt das, was der FDP-Mann am Montag zu sagen hat, verflixt nach Selbstbeschwörung. „Es gibt gar keinen Grund unsicher zu werden“, sagt Solms zum Beispiel; was er aber kaum sagen würde, sähe er nicht Grund dafür.

Tatsächlich geht – nicht nur bei Solms’ FDP, sondern etwas weniger offensichtlich auch bei der Union – die leise Sorge um, dass der Wahlkampf für ein bürgerliches Reformbündnis aus dem Tritt geraten könnte, noch bevor er richtig angefangen hat. Die Anlässe sind bekannt – Angela Merkels Brutto und Netto, Jörg Schönbohms Granatangriff aufs Ostgemüt, der Dauerzwist zwischen CSU und FDP. Unmittelbarer Anlass für Solms’ Gegenoffensive freilich ist eine Umfrage von Infratest dimap, veröffentlicht in der „Welt“: Danach finden 55 Prozent der FDP-Anhänger, dass die Liberalen mit einem anderen Spitzenmann als Guido Westerwelle besser bedient wären. „Die FDP als Partei und die Führung unterstützen Guido Westerwelle uneingeschränkt“, hält Solms dagegen und auf eine andere Zahl in der gleichen Umfrage: Nach der sind wiederum 52 Prozent der FDP-Anhänger mit Westerwelle als Parteichef zufrieden.

Keinen Grund, „uns verunsichern zu lassen“, mag Solms auch in einer Umfragezahl sehen, die der FDP erstmals nur sechs Prozent der Stimmen in der Sonntagsfrage attestiert. Nicht reale Schwäche, sondern einen Sommerferien-Effekt vermutet er: eine Verzerrung der Umfrageergebnisse dadurch, dass viele Menschen jetzt im Urlaub sind.

Erst recht keinen Grund sich verunsichern zu lassen will Solms sich von der Union liefern lassen. Die hat – in Gestalt des CSU-Generals Markus Söder einerseits und des CDU-Fraktionsvizes Wolfgang Bosbach andererseits – der FDP wieder einmal geraten, sie solle ihre Angriffe auf Rot-Grün konzentrieren statt an der Union herumzumäkeln. Solms holzt zurück, dezent, wie es seine Art ist: „Wir brauchen uns da keine Vorhaltungen machen zu lassen“, sagt er. „Es lag nicht an der FDP, dass diese Unruhe entstanden ist in der letzten Woche (...) Die Union weiß, dass sie Dinge besser machen muss.“ Wobei auch das Erscheinungsbild der FDP besser werden müsse: „Wir müssen noch besser als Team auftreten und die Themen etwas verbreitern.“

Bei der Union wissen sie übrigens auch, dass die vergangene Woche keine Glanzleistung war. „Besser jetzt als fünf Tage vor der Wahl“, tröstet sich zwar ein CDU-Mann. Aber andere warnen: Die Gefahr sei groß, sagt ein Unionsmann, dass die eigenen Reihen wie 2002 in Verzagtheit verfielen, kaum dass der Sieg nicht mehr sicher erscheine. Bayerns CSU- Fraktionschef Joachim Herrmann mahnt das eigene Lager vor allem, sich nicht das zentrale Thema rauben zu lassen: die Arbeitslosigkeit. „Wir dürfen keinen Tag davon ablassen, dieses Thema in den Vordergrund zu stellen“, sagt Herrmann dem Tagesspiegel. Und was die letzten Pannen angeht, fordert der Franke Sportsgeist: Wenn ein 5000-Meter-Läufer stolpere, dürfe er nicht übers Stolpern sinnieren, sondern müsse weiterrennen. Schließlich: „Es hat uns noch keiner überholt.“ Da ist der CSU-Mann mit dem FDP-Mann wenigstens einig. Wenn die FDP sieben bis acht Prozent hole und die Union 42, 43 Prozent, rechnet Solms, „dann reicht das, brutto wie netto“.

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