Politik : Sturm, Warnung

Von Peter von Becker

Die Welt, in der wir leben, ist heute auch die Welt, in der wir beben. Kaum ein Jahr ist es her, dass am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Tsunami die Küsten Südostasiens verheerte und 300 000 Menschen in den Tod riss. Viele von uns hatten bis dahin wohl nicht einmal das Wort „Tsunami“ gekannt. Und als sei die Monsterwelle nur ein Vorbote kommender Katastrophen gewesen, wurde 2005 das Rekordjahr der tropischen Wirbelstürme, New Orleans versank, und zu den Stürmen und Fluten kam in den Bergen Pakistans das mörderische Erdbeben. Angesichts solcher Schrecken mag man von Sars und der Vogelgrippe, vom deutschen Waldsterben oder dem jüngsten Schneechaos im Münsterland kaum mehr reden.

Wohl aber fragen sich immer mehr Menschen, was mit dieser Erde, unserer einzigen Heimstatt, eigentlich vor sich geht.

Wir haben in den letzten Jahren ungeahnte naturwissenschaftliche Revolutionen und Innovationen erlebt. Doch zugleich scheint sich auch die Natur selbst zu verändern – und gegenüber ihren ausbrechenden Gewalten wirkt gerade unsere technisch so hochgerüstete Zivilisation immer verletzlicher. Mancher ruft hier nun schnell und gut gemeint: Wir Menschen sind es, die unsere Flüsse und Meere verseuchen, die Wälder versehrt und Wüsten gesät haben. Das räche sich jetzt, die Natur schlage zurück, die gute alte Erde schüttle und schütze nur ihr dünner gewordenes Kleid.

Leider war die alte Erde schon früher nicht immer die gute – alles andere ist eine Fama übergrüner Naturverklärer. See- und Erdbeben beispielsweise sind nicht neu, beim Ausbruch des Vulkans Krakatau ertranken vor 120 Jahren trotz wesentlich dünnerer Besiedlung des indonesischen Archipels schon über 30 000 Menschen in einer Tsunami-Welle; auch die Beben und Brände von Lissabon oder San Francisco sind Geschichte: zwar unvergessen, doch ebenso leicht verdrängt wie die einfache Tatsache, dass Katastrophen und Opferzahlen früherer Epochen noch nicht am selben Tag zum globalen Medienereignis werden konnten.

Heute erfahren wir mehr, und alles viel schneller. Ein paar Dinge wissen wir auch mehr – ohne Klimaforscher zu sein oder die Kassandra zu spielen: Das wachsende Ozonloch, die fortschreitende Versteppung von Landstrichen sind Menschenwerk; und je mehr Populationen aus Not und Wirtschaftsbranchen aus logistischen Gründen an die Küsten der Kontinente drängen, desto höher werden bei Überflutungen die Verluste an Leben und die ökonomischen Schäden.

Dass darum, weit über Kyoto-Protokolle hinaus, der Umweltschutz zur Weltüberlebenspolitik gehört – auch angesichts des Naturraubbaus der industriellen Schwellenmächte China, Indien und Brasilien: Das ist eine geläufige Einsicht. Doch geraten die zunächst kostspieligen Ziele eines verstärkten Natur- und Klimaschutzes nicht bloß in Konflikt mit weniger gemeinnützigen wirtschaftlichen Interessen. Den Preis nämlich müssten nicht allein luxuriöse oder profitsüchtige Verschwender bezahlen, sondern jeder, der sich an den energieaufwändigen Komfort unserer westlichen Zivilisation gewöhnt hat. Und da wird man selber sehr schnell zum Pharisäer. Oder man verdrängt sie wieder, die Probleme unserer unheimlich gewordenen Welt-Natur. Zumal die möglichen Ursachen und Wirkungen zum Beispiel des Klimawandels noch immer schwer durchschaubar erscheinen.

Tatsächlich braucht es ständig aktualisierte Aufklärung – und manchmal, wie in dieser Tagesspiegel-Ausgabe, den Versuch einer zusammenfassenden Orientierung. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft bedürfen heute mehr denn je der seriösen Popularisierung. Damit Politiker und Wähler, sprich: wir alle verstehen, was so scheinbar widersprüchliche Phänomene wie die Klimaerwärmung und eine bereits angedrohte „neue Eiszeit“ miteinander zu tun haben. Damit wir unterscheiden, was Erkenntnis, was nur Hypothese und was gar Hysterie ist. Wissen ist die erste Macht – um zu bewahren, was die Welt, trotz aller Ausschläge, im Innersten zusammenhält.

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