Politik : Sturzmüde

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der Studie zum Zeitmanagement, die das Familienministerium vorgelegt hat, konnten wir entnehmen, dass der Deutsche 35 Prozent seiner Zeit verschläft. Das sind über acht Stunden täglich. Dass die Hausarbeit zwischen Frauen und Männern weiterhin ungleich verteilt ist, war Renate Schmidt einen Kommentar wert. Über das Schlafverhalten äußerte sie sich nicht. Dabei gäbe es auch hier interessante Unterschiede zu entdecken. Der Politiker beispielsweise gilt als eine Spezies, der zugemutet wird, mit besonders wenig Schlaf auszukommen. Alexander der Große gönnte sich angeblich nur drei Stunden Nachtruhe. Mike Dukakis, 1988 der Gegenkandidat von George Bush dem Älteren, behauptete gar, nur zwei Stunden pro Nacht zu schlafen.

Bush senior übrigens machte sich das Thema Politiker-Müdigkeit zu Eigen, indem er einen Preis aus der Taufe hob, der nach seinem Sicherheitsberater benannt war. Den „Brent Scowcroft Award“ sollte bei internationalen Verhandlungen die müdeste Delegation erhalten. Einmal bei der KSZE in Paris schliefen die drei Vertreter Islands in der ersten Reihe alle gleichzeitig ein – einer sogar während des isländischen Vortrags. Bush unterbrach die Sitzung, um spontan den Scowcroft-Preis zu übergeben.

In Israel garantiert die Armee jedem Soldaten und Offizier sechs Stunden Schlaf. Dem normalen Bundestagsabgeordneten garantiert niemand etwas. Um seinen Schlaf muss er kämpfen. Häufig geht der Kampf zwischen Gremiensitzungen, Wahlkreisveranstaltungen und Vereinsbesuchen verloren. Und dann döst der Abgeordnete im Parlament vor sich hin, was zu erheiternden Fernsehbildern führt.

Nun hören wir, dass im Kanzleramt ein neuer Begriff für das kompensatorische Erholungsbedürfnis des übermüdeten Offiziellen geprägt wurde. Der, so nennt man dies im Kanzleramt, falle eben kurz in einen „Sturzschlaf“. Ein schönes Wort über die Untiefen des Alltags.

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