Stuttgart 21 : Ein Foto, zwei Geschichten

Das Bild des verletzten Demonstranten Dietrich Wagner ist zur Ikone des Protest gegen Stuttgart 21 geworden. Doch zur Entstehungsgeschichte des Fotos gibt es zwei Versionen.

Roland Muschel
Mappus musste anreden gegen das Bild vom brutalen Staat, gegen das Bild von einem 66-Jährigen, dem Wasserwerfer die Augen zerstört haben.
Mappus musste anreden gegen das Bild vom brutalen Staat, gegen das Bild von einem 66-Jährigen, dem Wasserwerfer die Augen zerstört...Foto: dpa

Dietrich Wagner hat dieser Tage viel Besuch bekommen und noch mehr Medienpräsenz. Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech von der CDU war am Montag an seinem Krankenbett im Stuttgarter Marienhospital, kurz nachdem ihm bereits eine Abordnung von Stuttgart-21-Gegnern eine Visite abgestattet hatte.

Der 66-jährige Wagner steht seit der Eskalation des Konflikts um den Stuttgarter Hauptbahnhof im Mittelpunkt eines Streits, in dem es um mehr als ein Bauwerk geht. An jenem Tag hat ihn der Strahl eines Wasserwerfers so getroffen, dass aus seinen Augen Blut in den grauen Bart floss und er von zwei jüngeren Männern gestützt werden musste. Es gibt davon ein sehr eindrucksvolles Foto, das noch mehr Wirkung erzielt, wenn man weiß, dass der Patient „im Moment erblindet“ ist und noch nicht klar ist, ob er jemals wieder gut sehen kann. Das Foto hat es in fast alle Medien geschafft. Und weil solche Bilder stärker sind als alle Wasserwerfer, hat es der baden-württembergischen Landesregierung mehr geschadet als das Abholzen alter Bäume, für deren Erhalt Wagner am vergangenen Donnerstag gekämpft hat.

Die Botschaft, die das Foto aussendet, ist auf den ersten Blick eindeutig. Seine Entstehungsgeschichte ist es nicht. Es gibt zwei Versionen. Die des 66-Jährigen. Und die der Polizei. So steht der Streit um Deutungshoheit über den Hintergrund des Bildes auch stellvertretend für die zwischen Gegnern und Befürwortern des Bahnprojekts erbittert geführte Debatte, ob an der Eskalation der Gewalt am vergangenen Donnerstag im Schlossgarten die Polizei oder Demonstranten die Schuld tragen.

In einem „Gedächtnisprotokoll“, das dem Tagesspiegel vorliegt, schildert Wagner seine Sicht der Dinge. Danach hat er versucht, Jugendlichen zu helfen, die vom Strahl des Wasserwerfers weggefegt worden seien. „Als ich dies sah, wollte ich, um die Kinder zu schützen, den Wasserwerferfahrer und den anderen Beamten signalisieren, diesen Einsatz abzubrechen“, hat Wagner am Tag nach dem Polizeieinsatz zu Protokoll gegeben. Er habe beide Arme erhoben und gewunken, „um sie zum Einhalten zu bewegen“. Dann habe er einen „sehr starken Strahl“ ins Gesicht bekommen. „Ich stürzte und verlor das Bewusstsein.“

Die Polizei widerspricht seiner Darstellung explizit. „Wir haben den Mann hinter den Barrikaden immer wieder beiseite genommen“, sagt der Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf. „Doch er ist immer wieder zurückgelaufen. Er selbst hat sich direkt in den Strahl gestellt.“ Es gibt ein Foto der Polizei, das den Eindruck vermittelt, Wagner stehe in Siegerpose allein auf weiter Flur im Strahl eines Wasserwerfers. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung soll er sogar mit Gegenständen in Richtung Polizei geworfen haben. Auch dazu gibt es ein Foto, das diese Deutung zumindest nicht ausschließt.

Dem Besuch von Innenminister Heribert Rech am Montag hatte Dietrich Wagner vorher zugestimmt. An ihren gegenteiligen Ansichten zu Stuttgart 21 und der Entstehungsgeschichte des Fotos scheint die persönliche Begegnung der beiden Männer aber nichts geändert zu haben. Wagner hat gegen Rech inzwischen Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

34 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben