Stuttgart 21 : Rebellion aus reichem Hause

20.10.2010 09:48 UhrVon Helmut Schümann
  • Lange Zeit ging es gegen Stuttgart 21 auf die Straße. Diese Herren im Hasenkostüm nehmen an einer Sitzblockade gegen den Bahnhofsbau teil. - Foto: dpa
  • Der Schauspieler Walter Sittler nimmt an einer Sitzblockade teil, bei der Fahrzeuge an der Baustelle am Hauptbahnhof in Stuttgart blockiert werden. - Foto: dpa
  • 20. Juni 2011: Tankbesetzung in Stuttgart. - Foto: dpa

Wenn es nach Innenminister de Maizière geht, ist Stuttgart 21 eine Art Klassenkampf, nur von oben nach unten. Helmut Schümann folgert daraus: Die demonstrierenden Schüler brauchen gar keinen Bahnhof. Weil sie von ihren Eltern in der S-Klasse rumkutschiert werden.

Es ist bei unklaren Themen und schwierigen Fragen immer gut, wenn sich kundige Menschen einschalten. So ein kundiger Mensch ist Thomas de Maizière, der Bundesinnenminister. Und der hat nun ein wenig Aufklärung in die anhaltende Verwunderung darüber gebracht, dass Schwaben protestieren. Der Mann ist Bonner, das liegt am Rhein. Er kennt sich also bestens in Stuttgart aus, das liegt nämlich auch an einem Fluss, am Neckar.

Zunächst sagte de Maizière, dass er sich über „die Senkung der Gewaltschwelle bei den Demonstranten“ sorge. Dabei bezog er sich auf die vor ein paar Wochen in Stuttgart am Bahnhof geschlagene Schlacht, bei der die Demonstranten den stumm und reglos umherstehenden Polizisten Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke entwendeten, um sich danach selbst zu bewerfen, zu besprühen und zu beprügeln.

Die Demonstranten gingen dabei so heftig und rigoros gegen sich selbst vor, dass einem älteren Herrn nun ein Augenlicht fehlt. Er hatte sich vehement mit hartem Wasserstrahl beworfen. Die sinkende Gewaltschwelle bei den Demonstranten kann einem tatsächlich Sorgen machen.

De Maizière hat noch mehr gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart „tausende Schüler von ihren begüterten Eltern Krankschreibungen bekommen, um zu demonstrieren“. Was mit den nicht begüterten Krankschreibungen ist, hat er nicht gesagt, wahrscheinlich weil es nicht begüterte Eltern in Stuttgart gar nicht gibt. Es handelt sich also bei den Demonstranten von Stuttgart um Söhne und Töchter aus reichem Hause, wahrscheinlich verwöhnt, gelangweilt und ahnungslos von den Nöten und Sorgen der Proletarierklasse, zu der de Maizière und Kollegen gehören. Somit ist Stuttgart 21 eine Art Klassenkampf, nur diesmal von oben nach unten. Sonst ist es ja immer umgekehrt. Sonst kämpfen arbeitsscheue, früher auch langhaarige Sozialschmarotzer gegen das mehrheitliche bürgerliche Interesse. Jetzt, nach de Maizières erhellenden Worten, ist auch verständlich, warum der Protest gegen den Bahnhofsbau so nachhaltig und so erbittert ist. Die Söhne und Töchter brauchen gar keinen Bahnhof. Weil sie von ihren begüterten Eltern, solange sie noch keinen Führerschein haben, in der S-Klasse rumkutschiert werden.

In einer anderen derzeit heftig diskutierten Angelegenheit, über dringend benötigte Zuwanderung von Fachkräften, hat de Maizière gesagt, dass „jeder so daherplaudert“. De Maizière hat absolut recht. Beim Plaudern weiß er, wovon er redet.

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